TODESTÄNZE DER WILDEN

Die Lehre des Tanzmeisters Hottotte

Spiritualität und Mystik
für Europäer

 

INHALT

Kapitel 1 -- Den Tanz Sehen
Kapitel 2 -- Die Tanzflächen

Kapitel 3 -- Der Glanz

Kapitel 4 -- Ein Beweger des Geistes sein

Kapitel 5 -- In den Moment hinein!

Kapitel 6 -- Vom Umgang mit den Kräften

Kapitel 7 -- Hinaus!

Kapitel 8 -- Menschwerdung

 

KAPITEL 1

Den Tanz sehen

 

Prolog : Den Tanz sehen

Tepeh
Ich komme zu dir, dem berühmten Tanzmeister Hottotte, um Unterricht zu nehmen.

Hottotte
Sei gegrüsst. Woher kennst du meine Adresse?

Tepeh
Von der Tanzschule Blocher in Oerlikon. Die üben dort so eine Art Yogatanz, der von dir her inspiriert ist.

Hottotte
Der Blocher wieder... Er ist geschäftstüchtig. Aber ich habe nichts mit jener Tanzschule zu tun. Weiss du, was ich lehre?

Tepeh
Ja.

Hottotte
Ich lehre, was von den Tanzkünsten meines Volkes noch bekannt ist.

Tepeh
Eben. Ich tanze zwar nicht gern. Aber ich hab gehört, dass es bei dir nicht ums Tanzen geht.

Hottotte
Um was sonst?

Tepeh
Um die Seele, die Erhebung der Seele.

Hottotte
Und das willst du lernen?

Tepeh
Ja.

Hottotte
Gut. In unserem Volk wurden aber stets richtige Tänze ausgeführt. Das ist bis heute so. Bei uns üben alle das Tanzen, auch die Frauen. Das körperliche Tanzen ist auch wichtig, und nicht nur das seelische. Das richtige Tanzen willst du also nicht lernen?

Tepeh
Nein. Ich möchte eher das Ergebnis davon kennenlernen. Ihr sollt ja eine richtige Philosophie entwickelt haben.

Hottotte
Gewiss. Wir haben eine hohe Kultur. Doch man muss tanzen, um diese Philosophie zu verstehen. Es ist nicht einfach, sie zu verstehen.

Tepeh
Ich habe Zen geübt, Yoga, und habe transpersonale Psychologie studiert.

Hottotte
Und warum bleibst du nicht dabei?

Tepeh
Irgendwie hat es mir nicht gereicht.

Hottotte
Nur immer das Neuste ist gut genug, aha! Du scheinst ein unruhiger Mensch zu sein.

Tepeh
Genau das bin ich. Ich kann nicht ruhig sein. Vielleicht sollte ich tatsächlich ein richtiges körperliches Tanzen lernen. Das könnte mir vielleicht helfen beim Unruhigsein..

Hottotte
Natürlich ist eine Bewegung besser als das Stillstehen. Das hätte ich gern mal dem Meister Eckhart gesagt, welcher lehrte: "Stillstehen so lange als möglich, ist dein Allerbestes."

Tepeh
Du kennst Meister Eckhart?

Hottotte
Persönlich nicht, aber ich kann lesen. Ich bin ein Studierter.

Tepeh
Dachte ich doch! Und Eckhart irrte, deiner Meinung nach?

Hottotte
Nein, das nicht. Er meinte es innerlich, sehr weit innerlich. Da ist das Stillstehen gut. Sonst aber ist es schlecht. Der Mensch braucht kein Stillstehen.

Wir in unserem Volk haben insbesondere Bewegungen geübt, um das Höhere, das wahre Wesen zu finden. Wir haben das Stillstehen durch Bewegungen gesucht: durch Tanzen. Im Tanzen fanden wir die Beziehung zum Höheren. Natürlich geht es nicht um Zerstreuung bei unserem Tanzen, das weisst du wohl...

Das Tanzen bei uns ist eine Reinigung, eine Bewegung hin zu Wohlbefinden und Frieden... Im Tanz konnten wir uns seelisch erheben und andere Dimensionen kennenlernen.

Tepeh
Ich weiss! Das ist der Grund, warum ich gekommen bin. Das Tanzen in eurem Volk entwickelte sich zu einer geistigen Tätigkeit...

Hottotte
Unsere Tanzkunst ist eine spezielle Art von Yoga. Aber das wussten wir damals nicht. Wir haben nicht viel von anderen Völkern gewusst. Wir haben einfach dieses Tanzen entwickelt.

Nachher dann, als wir in Kontakt mit anderen Völkern kamen, haben wir gesehen, dass wir nicht die einzigen waren, die diese Art von Tanz übten.

Tepeh
Alle Naturvölker haben getanzt. Aber spirituellen Tanz wie bei euch gab es wohl nur noch bei den Sufis.

Hottotte
Nein, nein. Es gab mehr, die es machten. Aber vielleicht sind wir die einzigen, die abstrahiert haben von den alten Vorstellungen. Wir haben die Ideen, die dahinter steckten, weiter entwickelt. Jetzt vertreten wir eine abstrakte Theorie. Das ist es wohl, was uns in der heutigen Zeit aktuell macht.

Tepeh
Inzwischen haben viele Europäer ein Bedürfnis nach geistiger Erhebung entwickelt. Dabei darf aber keine Religion dahinterstecken. Die persönliche Freiheit muss gewahrt bleiben. In der Meditation wird nur Selbstverwirklichung gesucht, kein Bekenntnis.

Hottotte
Das mag sein bei ganz wenigen.

Tepeh
Glaubst du nicht an eine spirituelle Erneuerung in Europa und Amerika?

Hottotte
Nein. Die Möglichkeiten, ein falsches Leben zu führen, sind zu gross. Auch die Zwänge, ein falsches Leben zu führen, sind sehr gross.

Wir damals konnten nicht falsch leben. Wir lebten sehr eingeschränkt. Wir entdeckten dann, dass das Tanzen uns erhebt. Der Kontext damals war natürlich ganz anders als heute.

Tepeh
Aber euer Tanzen gilt heute als aktuell. Insbesondere dann, wenn man das körperliche Tanzen weglässt und den körperlichen Tanz ins Geistige transponiert....

Hottotte
Du weisst es wahrscheinlich schon besser als ich. Alle Leute, die zu mir kommen, wissen schon, was sie hören wollen. Sie wollen nichts davon hören, dass es bei uns wie überall mit Trommeln, Gongs und einfachen Instrumenten begann. Sie wollen nichts von der Geschichte dieser Tänze hören, wollen nichts von den Grundlagen wissen.

Nun: Es gab magische Tänze, die Beschwörungstänze, die Tänze in einer Maske. Wir kannten die Tänze, die zu Rausch und Besessenheit führten.

Erst spät entwickelten sich neben diesen magischen Tänzen die spirituellen. Die spirituellen Tänze aber wurden nicht einfach von heute auf morgen gemacht, so wie ihr es machen wollt. Wir hatten eine alte Tradition. Wie willst du das Tanzen, das ich lehre, verstehen, wenn du nichts hören willst von den Wurzeln dieses Tanzens?

Tepeh
Ich habe über euch gelesen:

"Das unbewusste Tanzen, das bis zur Besessenheit oder bis zur Ekstase führt, wird heute allerdings kaum noch geübt. Das ist vorbei. Geübt werden nur noch die spirituellen Tänze."

Hottotte
Ich kenne den betreffenden Artikel. Darin wird die Meinung vertreten, dass bei uns die Vernunft gesiegt hat, dass wir "sauber" sind. Das ist vollkommen unsinnig. Alle unsere Tänze sind magisch und unbewusst.

Tepeh
Mich interessieren einfach am meisten jene, die eine spirituelle Wirkung haben. Ich hörte, dass ihr den körperlichen Tanz ins Geistige transponiert....

Hottotte
Ach was! Wir bewegen uns einfach. Das kommt von der alten Sache her, die ihr Magie nennt. Dann haben wir eine subtilere Magie entdeckt. Wir haben eine neue Ebene entdeckt, zusätzlich zur anderen. Aber die andere, die primitive Seite, ist immer noch da.

Tepeh
Sie ist in jedem Menschen da.

Hottotte
Ja, wie auch das Geistige, das Höhere. Und das ist es also, was du suchst.

Tepeh
Ja.

Hottotte
Ohne Bewegungen wirst du das Geistige nie finden. Tanz brauchst du so oder so. Und was willst du damit erreichen? Du müsstest es wissen!

Tepeh
Vielleicht Befreiung.

Hottotte
Das ist viel. Aber es ist möglich.

Tepeh
Du sollst der Hüter einer alten Tradition sein, habe ich gehört. Du bist spezialisiert auf die Essenz des Tanzes.

Hottotte
Die Essenz des Tanzes möchtest du kennen?

Tepeh
Kannst du darüber berichten?

Hottotte
Man kann es nicht.

Tepeh
Offenbar kann man es doch.

Hottotte
Manchmal kann man, manchmal nicht. Es braucht Vorbereitungen, Momente.

Bei uns war es so: Zuerst waren die üblichen Umstände für einen Tanz vorhanden: eine Tanzfläche, eine Gruppe von Musikern oder von Trommlern und die Leute, die tanzen wollten. gut, und dann ging es los!

Es war jedermann klar, dass der Tanz einen sakralen Charakter haben sollte. Das war die Absicht. In diesem Sinn waren die üblichen Umstände für einen Tanz gemeint: die Tanzfläche, die Musik. Die Leute traten in diesem Sinn auf. Die Trommler trommelten in diesem Sinn.
Wir haben viele Tanzanlässe gehabt im Verlauf eines Jahres. Alle diese Anlässe hatten etwas Zeremonielles. Wir hatten Tanzbühnen. Sie wurden für den Anlass geschmückt.

Tepeh
Das war einmal. Aber jetzt ist es anders.

Hottotte
Es ist noch immer so. Du kannst zwar manches auf das innere meditative Tanzen übertragen. Aber der Anlass ist und bleibt heilig. Für jede Erhebung braucht es einen Anlass. Wenn Musik und Perkussion fehlen, wenn du keinen Tanzboden vor dir hast, wird es schwieriger sein, den Anlass zu erkennen.

Tepeh
Aber es kann bei euren Tänzen nicht nur die Musik fehlen, es kann auch das Tanzen seingelassen werden... so dass es nur noch innerlich ausgeführt wird.

Hottotte
Ja, das ist die höchste Stufe des Tanzens.

Tepeh
Ein Tanz, der kein Tanz mehr ist, ist die höchste Stufe des Tanzens...?

Hottotte
Ja. Wir haben Jahrhunderte lang getanzt. Im Verlauf dieser Jahrhunderte haben wir entdeckt, dass es beim Tanzen nicht ums Tanzen ging, sondern um die Lösung von uns selbst. Diese Tänze waren stets Anlässe zu einer Lösung von uns selbst gewesen. Einmal war der Zeitpunkt erreicht, an welchem wir es bemerkten. Es wurde bemerkt, es wurde besprochen, es wurde begriffen. Von da an veränderte sich das ursprüngliche Tanzen.

Tepeh
Wie kam es dazu?

Hottotte
Einige trennten sich von sich selbst, denke ich. Sie sagten es weiter. In jener Zeit begannen die Tänzer, ihr Tanzen objektiv wahrzunehmen. Sie sahen sich beim tanzen. Sie fühlten sich tanzen.
Aber vergiss nicht, dass das Tanzen einen Anlass braucht. Der Anlass ist ein heiliger Moment.

Tepeh
Sahen sie sich auch in ihrem gewöhnlichen Leben wie aus Distanz ?

Hottotte
Ja. Es waren aber die Tänze, die dieses Wissen schafften. Man entdeckte die Lösung vom Körper während des Tanzes. Man SAH sich. Das ist das Besondere.

Die richtigen, mit dem Körper ausgeübten Tänze, wurden von den Betreffenden, die das verstanden hatten, nicht aufgegeben. Aber bei diesen Leuten war das körperliche Tanzen fortan nicht mehr so wichtig. Es gab jetzt das innere Tanzen, das Tanzen von innen her, das Tanzen , das vom Sehen her ausging. Fortan tanzten sie , um zu SEHEN, wie sie sich im Tanz befanden.

Tepeh
So bekam das äussere Tanzen einen ganz neuen Sinn.

Hottotte
Es bekam zum ersten Mal jetzt einen überragenden Sinn.

Tepeh
Es gab bei deinem Volk also inneres und äusseres Tanzen nebeneinander. Es gab Tanzen mit blosser Ekstase und es gab Tanzen mit Sinn oder mit Sehen. War nur-äusserliches Tanzen fortan nicht verpönt als minderwertige Tätigkeit?

Hottotte
Verpönt nicht. Aber darauf, dass das Tanzen geistig zu sein hatte – nicht nur berauschend -- wurde mehr wert gelegt. Das geistige Tanzen wurde gelehrt. Schon in frühen Zeiten wurde von Jugendlichen nicht nur das äussere Tanzen verlangt, sondern auch das innere.

Das äussere Tanzen war nur vollendet, wenn es auch innerlich vollendet war.

Tepeh
Aber was innerlich ist, konntet ihr doch nicht überprüfen!

Hottotte
Man sieht es schon, wenn ein Tanz gut ist.

Tepeh
Und dafür muss der Tänzer sich tanzen sehen. Er muss sich selbst beobachten beim Tanzen?

Hottotte
Das ist es, was wir lehren.

Tepeh
Es geht darum, die vollkommene Ausführung des Tanzes zu sehen.

Hottotte
Nein, es geht einfach ums Sehen. Das ist ein Zustand von Freiheit. Wie der Tanz ausgeführt wird, ist nicht wichtig.

Tepeh
Ihr löst euch vom irdischen Bewusstsein. Und dann erfolgt so etwas wie eine schamanische Reise?

Hottotte
Eine Reise kann man es nennen.

Wir haben nicht scharf unterschieden zwischen dem, was in der Ethnologie Schamanismus genannt wird und dem kosmischen Tanzen. Allerdings gibt es bei diesen Ereignissen verschiedene Ebenen. Die eine dient diesem, die andere jenem. Das spirituelle und kosmische Tanzen hat sich natürlich von den Tänzen, die bestimmte Zwecke verfolgten, unterschieden.
Schamanen sind Arbeiter, die gewisse Arbeiten verrichten. Wir hingegen kümmern uns um das Absolute... vereinfacht gesagt. Wir beschwören keine niederen Geister. Unsere Tänze haben einen gottesdienstlichen, befreienden Charakter.

Tepeh
Ich habe gehört, dass ihr eure Tänze eher als Freudentänze auffasst. Jedenfalls haben diese Tänze eher einen hochzeitlichen festlichen Charakter.

Hottotte
Diese Tänze dienen dazu, Frieden und Harmonie zu finden.

Tepeh
Ihr habt nicht euren Göttern damit gedient?

Hottotte
Götter sind unwichtig. Es geht beim Tanzen darum, den Schöpfer der Welt, also den einen Geist zu finden und zu sein.

Tepeh
Euer Tanzen ist eine Versenkungspraxis. Daher komme ich zu dir, Hottotte! Wie ich hörte, kann man euer Tanzen einzig durch Vorstellung, also meditativ, ausführen.

Hottotte
Das kann man. Aber vergiss nicht, dass ein Tanz eine Bewegung ist. Du musst Bewegungen ausführen mit deiner Seele, vielleicht auch deinem Körper. Wir sitzen nicht einfach fest.

Tepeh
Welche Vorbereitung braucht es für den Beginn?

Hottotte
Keine. Fang einfach an damit! Bei uns tanzt man zum Vergnügen. Man tanzt bei jeder Gelegenheit. Getanzt wurde schon in früher Zeit sehr individuell, ohne vorgeschriebene Schritte. Viele tanzten mit geschlossenen Augen: innerlich.
Du kannst dich frei fühlen bei der Ausführung deines Tanzes. Du musst nur jede deiner Bewegungen benützen lernen. Das ist es. Jede Deiner Bewegungen bringt dich in den Tanz ein. Es braucht eigentlich nichts dafür. Einen Moment... Die Tatsache, dass du lebst, genügt.

Tepeh
Früher habt ihr Ort und Stunde gekannt, Tanzflächen, den Anlass!

Hottotte
Heute ist manches abstrakter. Heute bauen wir die Tanzbühnen innerlich. Der Tänzer stimmt sich auf die Ebene ein, auf welcher er auftreten will. Er sucht sie auf, er betritt sie. So hat er zu tanzen angefangen...

Tepeh
Gibt es Hilfsgeister, die man anrufen kann?

Hottotte
Früher pflegte man auf den Tanzflächen oder am Rand derselben Götter zu sehen. Einige sagten mir, es sei gut, die Götter zu kennen und sie mit ihrem Namen anzurufen. Durch das Anrufen werde das Auftreten auf der Tanzfläche erst ermöglicht oder der Tanz werde beschwingter. Das mag sein. Wir haben ja oft sehr Mühe, überhaupt auf die Tanzfläche zu gelangen.
Jene Leute, die solche Götter sehen, haben mir empfohlen, den Göttern nie in die Augen zu sehen.

Tepeh
Warum nicht?

Hottotte
Weil Götter uns bannen. Bannen sie uns, dann haben wir Stillstand. Wir gelangen nicht ins Zentrum. Es gibt dann keinen Tanz. Das sind so alte Vorstellungen....

Tepeh
Jetzt gehst du in eine Traumwelt...

Hottotte
Das stimmt. Tanzflächen sind Traumwelten. Sie sind zwar real und nicht beliebig, aber sie haben die Qualität von Träumen. Du hast soeben etwas Wichtiges gesagt.

Tepeh
Erklär mir, was eine Tanzfläche ist!

Hottotte
Die geistige Welt hat besondere Orte. Eine Tanzfläche ist ein besonders guter Ort. Tanzflächen haben einen Geist, eine eigene Art von Subtilität, jede Tanzfläche ist eine Erhebung von einer bestimmten Qualität...

Tepeh
Eine Tanzfläche ist also eine höhere Welt.

Hottotte
Ich erwähne nur diese. Es gibt aber auch niedrige. Der Alltag der meisten Menschen kann in der Qualität als eine niedrige Tanzfläche bezeichnet werden. Nun wollen wir aber von den höheren sprechen.

Auf einmal kommt der Kontakt zustande. Du bist dort. Du weisst es.
Die Tanzfläche ist vor dir! Ein grossartiger Moment! Du gehst hin. Du bist drin. Du bist drauf. Am Anfang wirst du blind sein vor Ekstase.

Aber bei uns ist Ekstase nicht das Ziel. Wir wollen wach sein, wollen wach werden. Wir wollen die Tanzfläche sehen. Wir wollen uns selber sehen auf der Tanzfläche. Wir wollen die ganze Welt neu sehen.

Das ist es. Das ist die ganze Lehre. Mehr ist nicht zu sagen.

Tepeh
Willst du mich schon entlassen?

Hottotte
Was willst du noch?

Tepeh
Noch bin ich kein Tänzer! Ich habe nicht begonnen.

Hottotte
Wir müssen noch über das Honorar sprechen! Es wird nicht billig sein.

Tepeh
Ich gebe dir die Hälfte meines Vermögens.

Hottotte
Gut. Aber einen perfekten Tänzer kann ich nicht aus dir machen. Ich bin es selber nicht.

Tepeh
Für den Anfang reichen deine Talente wohl.

Hottotte
Oft denke ich, damit ein vollkommener Tanz entsteht, braucht es vielleicht Millionen von menschlichen Eintagsfliegen, wie wir es sind, Millionen und Abermillionen. Einer lehrt den andern, gibt sein Wissen weiter. Das Wissen wächst. Und dann? Dann gibt es vielleicht einmal den vollkommenen Menschen.

Tepeh
Wer ist vollkommen?

Hottotte
Ich spreche von Menschen.

Ein Mensch, der vollkommen ist, antwortet seinem Geist ohne Widerrede. Er gehorcht seinem Geist ohne Antwort. Er ist selbst der Geist und lebt dennoch auf der Erde. Er weiss es und führt das Leben, das er hat.

Er SIEHT.

Das ist das, was der Tanz, den ich lehre, zustandebringt. Der Tanz führt zu Frieden und Harmonie und zu Kraft. Wir müssen das täglich üben. Das ist der praktische Sinn des Tanzes. Alle sollten es üben: jedes Volk, jeder einzelne Mensch. Wenn dieses Können dahinschwindet, kann es für immer verlorengehen. Das ist zum Beispiel in Europa geschehen. Da wurden alle diese Tänze vergessen. Sie sind in Europa unwiederbringlich verloren.

Tepeh
Darum komme ich ja zu dir, Hottotte.

Hottotte
Ja, aber für dich und deinesgleichen ist das jetzt exotisches Fremdgut. Bei den meisten von euch bleibt diese Kunst künstlich, also aufgesetzt. Du zahlst Geld für etwas, das bei uns mit der eigenen Identität zusammenhängt.

Gut. Du zahlst die Hälfte deines Vermögens, wenigstens das! Aber du hast keins, nicht wahr? So ist es mir immer ergangen. Meine Schüler waren alle mittellos.

 

KAPITEL 2

Die Tanzflächen

 

Tepeh
Heute wolltest du mich den Anfang lehren.

Hottotte
Ich habe dir schon alles gesagt.

Tepeh
Hier die Hälfte meines Vermögens: 578 Schweizer Franken.

Hottotte
Für diesen Lohn kann ich dir kaum die Hälfte des Wissens erklären.

Tepeh
Die Hälfte! Und wie soll ich den Rest lernen?

Hottotte
Den Rest musst du allein lernen.

Tepeh
Was hast du davon, wenn du alles für dich behältst?

Hottotte
Es ist normal, dass Schüler mindestens die zweite Hälfte allein lernen. Tun sie es nicht, dann ist auch die erste Hälfte verlorene Mühe.

Tepeh
Also gut. Nun sag mir, wie ich beginnen soll.
Bei einem öffentlichen Tanzanlass wäre es klar. Da gibt es eine Bühne. Da gibt es den Feiertag. Da ist die Musik. Da sind die andern. Ich würde mitgerissen. Und jetzt? Ohne Musik, ohne Fest?

Hottotte
Wenn du allein bist, musst du den Anlass selber schaffen. Du kannst es auf verschiedene Art und Weise tun. So kannst du dir die Musik vorstellen, den Rhythmus. Oder du kannst dir auch das vorstellen, was es bewirkt. Vielleicht kann du auf die Vorstellung von Trommeln und Musik verzichten. Dann stell dir statt dessen vor, dass du auf eine Tanzfläche auftrittst.

Eine virtuelle, eine geistige, eine unsichtbare Tanzfläche. Es braucht keine Musik. Aber es braucht den Auftritt hier und jetzt.

Tepeh
Soll ich den gegenwärtigen Moment zum Anlass machen?

Hottotte
Es gibt keinen anderen als den gegenwärtigen.

Tepeh
Aber nicht in jedem Moment bin ich bereit.

Hottotte
Du wirst zuerst deine Seele suchen müssen. Sie ist manchmal nicht gegenwärtig. Du musst sie anziehen.

Hast du sie und bist du wieder aus einem Stück, dann tritt auf!

Tepeh
Wie?

Hottotte
Wenn eine Bewegung tief aus dir selbst heraus kommt, kann es schon der Auftritt sein. Die Bewegung ist wie eine Auflösung. Deine Form löst sich in Luft auf... gewissermassen. Damit erreichst du eine Befreiung, eine Ablösung, Herauslösung. Dabei gehst du sozusagen ein wenig hinaus aus dir, ein wenig gegen oben. Eine Tanzfläche ist eine hilfreiche Vorstellung für diese Verwandlung. Eine Tanzfläche ist ein Ort der Verwandlung.

Um das alles in einem Moment auszulösen, kannst du dir eine Geste, eine Körperbewegung, einen kleinen Ritus angewöhnen. Du musst eine Art haben beim Auftreten, wie es Charakterdarsteller haben, wenn sie die Bühne treten. Du musst schon als der andere dort ankommen.

"Ich bin ganz der. Jetzt bin ich da. Mit dieser Geste bin ich da. Mit diesem Atemzug bin ich gegenwärtig."

Ja, ein Atemzug genügt schon. Wenn du ihn kannst. Mit einem Atemzug, einem einzigen kannst du dich gelöst haben und dort sein.

Das Auftreten auf einer Tanzfläche ist etwas sehr Eigenes. Aber es geht gleichzeitig um eine Lösung vom Ich. Es geht um eine Entäusserung. Aber das Auftreten erfolgt leicht. Du kannst alles auf die leichte Schulter nehmen. Alles ist leicht. Unsere Tanzkunst ist nur ein Spiel. Alles dient der Befreiung. Du musst nur den Moment, den du erlebst, als "den Tanz" deklarieren. Den nächsten auch, und so weiter. Das ist schon alles.

In unserem Volk wird gelehrt, dass Leben nicht nur auf der Erde stattfindet, sondern auch im Himmel. Das Geschehen im Himmel findet gleichzeitig statt. Was auf der Erde geschieht, ist nur der sichtbare Teil eines Gesamtgeschehens. Nun kann aber der Mensch abfallen von Gott, wie er bei euch heisst. Der Mensch kann sich verhärten. Dadurch wird gehemmt, was sich im Himmel vorbereitet. Dann findet es in diesem Leben eben nicht statt. Dieses Leben bleibt dann vielleicht unerfüllt.

Weil der Mensch selbst über kosmische Kräfte verfügt, kann er sich auch gegen diese kosmischen Kräfte stellen. In meinem Volk wurde dies als eine Verfehlung des Sinns bezeichnet. Das ist der Grund, weshalb wir die Tanzkunst gepflegt haben. Wir übten den Tanz, um eins zu werden und um Frieden und Harmonie zu finden. Wir wollten gleich sein wie der Himmel. Wir wollten Kinder Gottes sein.

Bevor wir auf eine Tanzfläche traten, hielten wir uns still, um besser zu hören. Wenn wir leer wurden, fürchteten wir nicht, etwas zu verlieren. Wach, erwartend, neugierig traten wir auf wie Kinder. Und dann bewegten wir uns im Tanz. Wir hielten uns dabei an das Nichts -- das innere Nichts, das wir liebten – und von dem wir glaubten, dass darin eine grosse Zauberkraft liege.

Tepeh
Eine Tanzfläche ist eigentlich das gewöhnliche Leben.

Hottotte
Eine Tanzfläche ist das Leben, aber nicht das gewöhnliche. Es braucht schon ein wenig Übung, um das Leben, das man hat, als einen Tanz von kosmischen oder göttlichen Kräften zu sehen.

Tepeh
Es braucht den Willen, es zu tun.

Hottotte
Ein wenig Willen braucht es. Aber so ein Wille kommt aus einem tiefen Wunsch, aus einer Sehnsucht heraus.

Diese Art von Sehnsucht ist die Kraft in uns, die sich auf Wiederherstellung der ganzen Person richtet.

Tepeh
Die ganze Person?

Hottotte
Das ist es, was den Tanz macht. wir suchen. Wir Menschen sind bei diesem Tanz der Körper. Was wir suchen auf den Tanzflächen, ist der Geist des Tanzes. Die Tanzflächen enthalten den Geist in dieser oder jener Form.

Tepeh
Das heisst also: Wir müssen lernen, die wirklichen Sehnsüchte von uns auszugraben. Wir müssen Tanzflächen suchen und finden, um diesen Geist zu verwirklichen.

Hottotte
... um ihn zu sein. Das ist eine Entäusserung. Ein Austritt aus dem Körper. Der Auftritt auf der Tanzfläche ist ein Hinaustreten aus dieser Welt hier und ein Hineintreten in die andere Welt hinein. Es ist wie ein Schritt von hier nach da. Du trittst in einen neuen Kreis hinein.

Tanzflächen sind andere Welten, sind eine Erhebung. In diesem Sinn musst du dir einen Ruck geben. Mit Verlangen, mit Leidenschaft. Du musst dir einen Ruck geben und abstossen. So kannst du auf die Tanzfläche fliegen.

Tanzflächen

Was ist eine Tanzfläche? Wörter wir "Feuer", "Brand" wären auch möglich. Eine Tanzfläche ist eine Wirklichkeit, die brennt. Sie ist wie ein Feuer.... Oder die Tanzfläche wäre ein Kreis, der ringsum von Flammen umschlossen ist. Ein heiliger, erregender und erschreckender, aber auch beglückender Ort steht vor dir.

Ein Auftritt darauf ist ein wenig wie das Ende. Du musst dich geben, und du wirst genommen. In einem guten Tanz wirst du voll genommen.

Tepeh
Das erinnert an den Tod.

Hottotte
Ja, so ist es. Unsere Tänze sind auch Todestänze.

Arena

Hottotte
Stell dir einen Lichtkreis, eine beleuchtete Arena vor! Alle, die das vor sich haben, verspüren eine grosse Anziehung. Ein Auftritt auf eine Tanzfläche ist eine Preisgabe.

Tepeh
Wenn er die Kontrolle verliert, fürchtet sich der Mensch.

Hottotte
Ja, aber hier ist auch die grösste Freude verborgen, die es gibt: das Hervorrufen des Eigenen.

Auftritt mit Herz

Eine Tanzfläche ist über das Herz zu finden. So wie es verschiedene Herzgefühle gibt, gibt es verschiedene Tanzflächen.

Stimm dich so ein, als ob du einschlafen wolltest, als ob du schon im Traum wärst!

Tepeh
Das Auftreten kann wohl nicht willkürlich erfolgen?

Hottotte
Eher so wie im Traum. Du gehst ganz von selbst deinen Wünschen nach. Ein wenig willentlich. Aber du gerätst von selbst in Bewegung, weil der Mensch in allem auf die Erfüllung seiner Sehnsüchte gerichtet ist. Jetzt zieht es dich da hinaus.

Tepeh
Und dann? Was ist denn eigentlich dabei die Erfüllung?

Hottotte
Der geeinte Zustand. Auf einmal wirst du seltsam eins, sehr geordnet. Der Auftritt auf der Tanzfläche, welcher noch ekstatisch war, ist jetzt zum Sehen geworden. Das hat nichts mehr mit Ekstase zu tun. Ekstase ist ein psychischer Zustand. Wir suchen das nicht mehr. Wir wollen sehen. Das Sehen ist das Sein.

Was sieht das Sehen?
Einen Menschen. Er wird zum Tanzen gebracht.

Du siehst also dein Leben, anderes Leben.
Das genügt. Das ist genug für den Anfang. Wir lehren nichts darüber hinaus.

Der Tanz als Bewegung

Du wirst bewegt. Du bewegst dich. Du wirst bewegt. Es bewegt dich. Du lernst aus dem Körper hinaus zu schweben. Aber das genügt nur für den Auftritt auf der Tanzfläche. Dann musst du auch noch das Sehen finden.

Tepeh
Ich nehme mein Herz in die Hand und trage es aufs Parkett. Ich lasse nun geschehen, was sich von selbst ankündigt. Ich bin damit schon in einem Tanz drin.

Hottotte
Du machst Schritte, absichtlich, bewusst. Du erkennst, dass du bist. In allen deinen Bewegungen erlebst du, dass du bist.

Wir lehren: Nur durch Bewegungen kannst du eins werden. Im Stillstehen kannst du es nicht. Keiner kann es. Tanzen ist der Grundgedanke. Die ganze Welt tanzt. Alles tanzt. Wir können die Welt nicht anhalten. Wir müssen uns bewegen. Daher machen wir unsere Bewegungen in diesem besonderen Kontext eines spirituellen Auftritts. So vermögen wir unser Leben in einem höheren Licht zu sehen.

Rhythmus

Hottotte
Die Tänze unseres Volkes wurden ursprünglich nur mit Perkussion getanzt. Es gab nur Rhythmus. Später, als wir dazu gelernt hatten, konnten wir auf die Erzeugung von Geräuschen verzichten. Da horchten wir auf das Schlagen des Herzes. Oder wir suchten das Schlagen der Trommel vorzustellen. Das ist ganz einfach.

Der Rhythmus ist wie ein Puls. Die Trommeln sollten ursprünglich wohl die Seelen einfangen und lenken. Darüber hinaus symbolisiert jede regelmässige Wiederholung die Kontinuität der Schöpfung und ihre Erschaffung jetzt, von Moment zu Moment.

Als wir dazu gelernt hatten, erkannten wir, dass wir von Trommeln und Rhythmen nicht abhängig waren.

Du musst dir also gar nichts Rhythmisches vorstellen. Es genügt, wenn du dich auf eine Tanzfläche aussetzest. Auf einer Tanzfläche wirst du ohne weiteres Kräften ausgesetzt sein, die dich mitreissen. Das genügt.

Tanzschritte und Bewegungen

Tepeh
Welche Bewegungen sind die besten, um das Sehen zu erreichen?

Hottotte
Jede Bewegung ist passend. Alles gehört dazu. Einige der Bewegungen sind durch das alte Bewusstsein gewählt, andere nicht. Herzschlag, Atem, Verdauung usw. haben wir nicht bewusst gewählt. Aber das bewegt sich doch. Auch solche unbewusste Vorgänge werden ins Licht des Erkennens gezogen. Du kannst schlichtweg alles nehmen. Sogar das Denken, also deine eigenen Gedanken. Diese sind bewegliche Formen, lebendige Gestalten. Auch das Denken ist bewegtes Leben, ist ein Tanz von kosmischen Kräften.

Tepeh
Da gibt es kluge und weniger kluge Gedanken.

Hottotte
Es gibt auch kranke Körper, es gibt Massenepidemien wie früher die Pest. Heute ist so etwas wie die Pest eher in den Gedanken der Menschen zu finden. Aber Leben, das heisst Bewegung ist auch das.

Tepeh
Woher kommen die Bewegungen?

Hottotte
Dieses Rätsel zu beantworten, ist der Sinn des Tanzes. Wir erproben es. Wir können es aber nicht sagen.

Wir können leicht den Körper bewegen. Wir wissen aber nicht, wie es geschieht. Wir bewegen Arme und Beine. Es wird auch das Herz bewegt, das Bewusstsein, die Seele. Auch hier wissen wir nicht, wie es geschieht. Aber es geschieht. Wir sind teils selbst die Beweger, teils sind wir nur die Erlebenden.

Das ist alles, was ich zu lehren weiss. Wir haben mehr Rätsel als Antworten, das ist klar. Aber wir haben die Rätsel so ziemlich auf einen Punkt vereint. Das ist der Sinn unseres Tanzens.

Tepeh
Alle diese Rätsel zu beantworten, wäre der Sinn des Tanzes...

Hottotte
Nein: Mit dem einen Rätsel zusammen zu tanzen oder angesichts des einen grossen Rätsels zu tanzen, das ist der Sinn des Tanzens.

Wir haben nie versucht, das Rätsel dieser Welt auf unseren niedrigen Lebensbereich herunter zu ziehen. Es wäre auch nutzlos, es zu versuchen.

Uns geht es darum zu tanzen. Damit finden wir Einheit. Wir bewegen uns, wir spüren die Ursache dabei. Alles hat seine Ursache, seine Quelle.

Ist das nicht genügend?

Falls andere Leute noch viel mehr wissen und Antworten wissen, die mit der Wahrheit zu tun haben, soll es mir recht sein.

Schöpfer der Bewegungen

Tepeh
Eine Frage noch:
Bin ich selbst der Schöpfer meiner Bewegungen? Oder bin ich nur der Ausführende? Ich möchte wissen, ob wir Menschen das Wort sind oder nur der Widerhall.

Hottotte
Beides. Der Kosmos oder der Schöpfer mit seinen Kräften wollte unser Leben und will es noch immer. Da ist das Wort bis jetzt und auch sein Widerhall bis jetzt.

Wir sind beides. Daher sind wir auch Schöpfer oder Beweger des Weltalls.

Aber wir sind nur glücklich, wenn der Teil, der nur Widerhall ist an uns, und der Teil, der Schöpfer ist, schön angeordnet sind, nicht einfach wild vermischt. Ich sagte immer schon: Wir suchen die Harmonie der Kräfte.

Als Tanzende finden wir die Harmonie. Wir finden die Harmonie zwischen dem, welches tanzt und dem, welches nicht tanzt. Es geht um die Harmonie oder Gleichzeitigkeit dessen, was in Bewegung ist und dessen, was die Bewegung veranlasst.

Daher üben wir das Tanzen. Erst, wenn der Tanz in dem Sinn gelingt, in dem ich es dir zu erklären versuche, vollenden wir das Menschsein, so sagen wir.

Bei der Vollendung des Tanzes haben wir unsere Existenz der Ursache dieser Existenz zurückgegeben. So kann man es jedenfalls sagen. Wir haben unser Bewusstsein voll in das Bewusstsein jenes Wesens zurückgegeben. Das ist die Vollendung des Weltrads und die Rückführung der Kräfte.

Religion

Tepeh
Es handelt sich hier um eure Religion.

Hottotte
Unsere Religion steckt dahinter. Das Tanzen ist unsere religiöse Übung. Aber es handelt sich um eine sehr praktische daseinszugewandte Übung. Darum sind wir in Mode gekommen. Unser Tanzen kann, nein soll in gewöhnliches Leben übergehen.

Das heisst, dass es in unserer Religion kein Problem damit gibt, normal zu leben: Wir können leben. Wir können ein normales Leben mitmachen. Aber wir wissen, dass ein Leben nur abgerundet ist, wenn es als geistig erkannt wird.

Wir erfahren unser eigenes Leben als einen Tanz Gottes. Klar: Gott ist auch grausam. Wir dürfen Gott aber erproben und ausdrücken. Durch unsere Bewegungen in unserem gesamtes Leben erforschen wir das, was ihr Gott nennt. Das klingt fast so frömmerlisch und zwanghaft, wie bei euch. Doch, wir nehmen dieses Studium leicht. Es ist gar kein Studium. Es ist ein Vergnügen. Wir tanzen zum Vergnügen: weil wir leben.

Das Tanzen ist ein Genuss und eine Wohltat für die Seele. Dass wir aus dem Geist hervorgegangen sind, macht uns Freude. Falls wir es nicht den ganzen Tag über fertigbringen, bei uns selbst zu sein, so üben wir den Tanz, um heimzukehren. Die Heimat jedenfalls ist uns bekannt.

Du wirst vielleicht verstehen, warum wir diese Tanzübungen über die ganze Zeit unserer Christianisierung hinweg bis in die heutige Zeit hinein gerettet haben. Wir wurden zeitweise in den Untergrund vertrieben damit. Aber überlebt hat das alles aus dem Grund, weil die Christen uns nichts bieten konnten.

Wir haben eine schlechtere Religion nicht akzeptieren können. Wir halten uns für Kinder des Absoluten. Wir glauben nicht an eine Verstossung durch Gott. Gott ist gegenwärtig. Wir glauben nicht, dass wir unser Selbst von einem Gott zurückerhalten müssen.

Tepeh
Die Abstraktheit eurer Auffassungen hat euch vor dem Christentum gerettet.

Hottotte
Des Christentums wegen sind wir so abstrakt geworden. Das war unsere Art und Weise, in die Verborgenheit abzutauchen. Die Götter von uns, die weniger abstrakt waren, haben wir dem Christentum geopfert. Statt mit unseren haben wir uns mit deren Götzen abgegeben. Sonst hätten sie uns ausgerottet. So war es. Wir wurden also Christen.

Aber den wahren Geist haben einige von uns bewahrt. Da waren Leute, die haben das Christentum getanzt. Das ganze, verstehst du? Es ist absurd. Aber Tatsache ist: Wir können alles tanzen, was wir tanzen müssen.

Erst mit der Zeit kamen einige dazu, den Geist des Christentums selbst zu suchen, und in der Folge wurde der christliche Geist eine unserer verehrtesten und grössten Tanzflächen.

 

KAPITEL 3

Glanz

Tepeh
Könntest du mir einige eurer Schritte und Gesten vorführen?

Hottotte (zum Spass führt der alte Mann verschiedene Bewegungen mit dem Körper aus: Schritte vor und zurück, Bewegungen der Arme auf und ab, Drehungen des Körpers, Gesten mit den Händen, sammelnd, schaufeld, greifend, schenkend, bannend, bergend, dann hopp: ein Sprung.)
Sagt dir das etwas?

Der Mensch, die Welt und das zu grosse Kleid

Ich habe jahrelang eure Philosophie studiert! Kluge Leute haben bei dieser Wissenschaft mitgewirkt, das muss ich schon sagen. Aber seltsamerweise wird im Fach Philosophie gerade das ausgeklammert, welches dem Fach den Namen gegeben hat, nämlich die Liebe zur Weisheit.

Weisheit ist nicht gefragt. Das ist schon seltsam. Weisheit kommt aus innerer Erfahrung. Warum wird bei dieser Wissenschaft das Wesentliche – das Eine und das Ganze – ausgeklammert? Ich finde: Im Fach Philosophie müsste das nicht sein. Das wissenschaftliche Forschen unter Ausklammerung des Sinns gibt es doch in den Naturwissenschaften schon genug.

Mein Volk hat nie den Weg der inneren Erfahrung verlassen. Bei uns wurde das Religiöse und das Intellektuelle nie getrennt. Das heisst: Wir wurden nie Intellektuelle. Wir sind noch bis vor kurzem ein primitives Volk geblieben. Aber ich kann dir versichern, dass wir auf eine bessere Art primitiv waren, als ihr es jetzt seid!

Tepeh
Ihr euch vorgenommen zu erfahren, dass die Welt das Höhere IST. Ihr habt euch vorgenommen zu erkennen, dass das Eine oder das Ganze gegenwärtig ist. In Europa aber hat man daran gezweifelt, dass es etwas Höheres überhaupt gibt. Man suchte stets nach Beweisen für dessen Existenz und fand keine.

Hottotte
Diese Zweifel bringen nichts. Es ist viel besser, sich dafür zu entscheiden, die innere Erfahrung zu erweitern. Da man sie erweitern kann, beseitigen sich die Zweifel von selbst. Es ist dumm, auf das Experiment zu verzichten und so zu tun, als könnte man keine spirituelle Erfahrung haben. Es ist unehrlich und auch unethisch.

Wir betrachteten die Welt wie ein zu grosses Kleid. Man musste erst hineinwachsen. Wir verehrten das, was ist. Wir suchten gleich zu sein mit dem, was ist. Wir versuchten, uns mit dem Willen des Schöpfers zu verbinden... könnte man auch sagen.

Das ist keine wissenschaftliche Haltung. Die Haltung ist aber gut. Sie führt zu brauchbaren Ergebnissen. Wir haben eine Therapie erfunden. Das ist es. Darum kommen jetzt die Leute zu uns.

Die Welt ist eine Aufgabe. Die Realität ist eine Aufgabe.

Die Aufgabe besteht darin, sie zu verstehen, sie auszufüllen, mit ihr eins zu sein und im Leben mit ihr gleich zu sein. Wir müssen das praktizieren und uns darin üben, dass das alles wahr wird.

Du musst das richtig verstehen. Für all das gab es nie einen äusseren Zwang. Wir zwingen unsere Kinder nicht zu diesen Übungen. Aber wir erzählen ihnen von der Lebensaufgabe. Die Lebensaufgabe ist, Mensch zu werden. Man kann nicht Mensch sein nur durch den Körper. Mensch ist man bei uns erst, wenn man die Quelle gefunden hat. Ohne die Vereinigung mit der Quelle ist man nicht Mensch. Dann ist man nur in einem Vorstadium von Mensch. Man ist heranwachsend.

In meinem Stamm sagte man, dass die Welt von einem MENSCHEN ausgeht. Gemeint ist: Die Ursache des Weltalls ist etwas Ähnliches wie wir. Nie kam es uns in den Sinn zu meinen, dass die Ursache dieser Welt etwas ganz anderes sein könnte als wir selbst. Daher suchen wir jetzt noch die Wahrheit in der Erfahrung, die wir von uns selbst haben. Ich weiss nicht, ob du verstehst, was ich meine.

Bei uns ist die Welt geistig, und wir bewegen uns auf das Geistige hin, um es zu sein. Wir haben das Urbild in uns. Dabei geht es nicht um persönliches Wachstum, nicht um ein Grösserwerden. Im Gegenteil geht es darum, in der höheren Wirklichkeit unterzugehen. Die Übung des Tanzens dient der Wiedervereinigung.

Das "sehende" Ich

Hottotte
Was im Zentrum dieser Welt steht, ist ein MENSCH wie wir. Das ist der Grund, warum wir verstehen können. Das ist der Grund , warum wir Mensch werden können. Die Welt geht von einem ICH aus... von einem Wesen, das sich spürt als "ich".

Die Welt geht von einem Wesen aus, das empfindet und weiss. Jener MENSCH hat Empfindungen und Wissen. Anderes Wissen und anderes Empfinden als ich, mehr, umfassender, anders. Aber jener MENSCH ist doch ein Wesen wie ich, er ist ein "Ich", und von diesem ICH habe ich mein Ich, meine Empfindung und mein Wissen. Darum gibt es mich.

Das ICH, von dem alles ausgeht, hat seine Ausstrahlung in der Welt.Diese Strahlung ist spürbar. Das ICH, von dem alles ausgeht, hat sein Erkennen in der Welt. Daher gibt es Erkennen. Das ICH, von dem alles ausgeht, hat sein Empfinden in der Welt. Daher haben wir Empfinden.

Die ganze Welt ist ein Erkennen, ein Antworten, ein Spiegeln. Das gilt sogar für die toten Dinge. Umgekehrt gehört alles, was hervorgegangen ist, zum Ganzen und zum Ursprung. Und daher liegt auf allem, welches entstanden ist, ein Licht, welches vom Ursprung her kommt. Auf allem liegt ein GLANZ.

Nimm heute die Mitteilung von diesem Glanz zur Kenntnis.

Die Welt geht von einem Ich aus, dieses hat Licht. Überall schafft es Spiegel. Überall ist sein Glanz. Der liegt auf den Spiegeln. Wir Menschen sind ebenfalls Spiegel. Nur zum Teil stehen wir jenseits des Spiegelns und werden wissend und sehend.

Wenn die ganze Welt ein Abglanz ist, so müssen wir uns fragen, was das Besondere am Menschen ist. Im Gegensatz zu den Tieren und Pflanzen haben wir Wissen. Nur wir wissen, dass der Glanz einen Ursprung hat. Nur wir erkennen den Ausgangspunkt des Glanzes. Das ist das Besondere am Menschen.

Das Erkennen, das selbst nicht nur ein Abglanz ist, sondern das Leuchten der Lichtquelle selbst: Das ist das Besondere am Menschen.

Glanz

Vom "letzten Punkt" also, welcher wie unser Ich ist, geht ein GLANZ aus.

Es leuchtet ein Glanz (von oben) auf allen Geschöpfen, vor allem auf ihrem Inneren: auf ihrem Empfinden, ihrem Selbstgefühl. Ein Glanz liegt auf dem Bewusstsein. Wenn ein Mensch sich der Tatsache inne wird, dass er bewusst ist, wird er auch verstehen, dass ein Glanz auf seinem Bewusstsein liegt. (Aber dann hat er sich bereits mit dem Licht vereinigt, welches in ihm glänzt.)

Insbesondere die Ichheit – diese Gewissheit, etwas zu sein – ist nie ohne den höheren Glanz. Im Erlebnis des "Ichseins" glänzt jenes Licht. Es glänzt auf dem abgestiegenen (begrenzten) Ich. Noch mehr glänzt es auf dem aufgestiegenen Ich, dem erkennenden Ich.

Im Ichsein, das die hohe Ebene erreicht hat und eingegangen ist in die höheren Ebenen der Verwirklichung – unsere Tanzflächen und die Vereinigung darauf – ist das Leuchten schon bald einzig: Es gibt da bald nur noch das einzige wahre Leuchten.

Das ist der Zauber unserer Tänze!

 

Kapitel 4

Ein Beweger des Geistes sein

Tepeh
Ich beginne mit Sammlung auf mich selbst.

Hottotte
Ja. Sammle dich! Geh in dein Ich hinein. Mach dein Ich rein und stark. Sag: "ich" zu deinem Ich! Dann lass es weit werden und tritt nun so auf. Lass die Bindungen sein. Bist du der Tanzfläche, dann musst du dich bewegen. Mach etwas mit deinem Körper! Das ist der Tanz.

Tepeh
Warum soll ich mich bewegen?

Hottotte
Um mit dem Wesen eins zu sein, welches die Bewegung liebt. Nur die Bewegung kann das Einssein zum Ereignis machen.

Als Beweger des Geists

Hottotte
Wenn du im Tanz bist, bist du der Beweger des Höchsten. Wenn du im Tanz bist, bist du der Beweger deiner selbst, darüber hinaus auch der Beweger des Kosmos.

Du bewegst das Absolute. Denn alles ist eins. Was immer du tust: Du bewegst das Absolute. Das Absolute macht den Tanz. Man kann sagen: Es ist Gott, welcher in deiner Form tanzt. Was sollte er sonst tun, da du ja lebst und dich bewegst?

Zuerst bist du unachtsam und wirst bewegt durch deinen "Herrn". Dann wirst du achtsam und bemerkst es, dass du bewegt wirst. Du erkennst. Kurz darauf bist du es, der den "Herrn" bewegt. Denn wenn du die Bewegung mit Erkennen ausführst, wirst du mit dem wahren Sinn der Bewegungen bekannt.

Tepeh
Ich werde es versuchen.

Hottotte
Der Geist macht jede Bewegung mit. Er kann nicht anders, denn die Welt ist ein einziges Stück. Die Person ist eine. Der Sinn ist einer. Das Sein ist ein einziges. Die Kräfte haben einen einzigen Ursprung.
So können die Bewegungen, die ein Mensch mit den Händen, den Füssen oder der Seele macht, zu mystischen Bewegungen werden. Die Bewegungen lehren uns, die eigene Quelle zu finden.
Während des Tanzes existiert kaum noch ein Unterschied zwischen dem wahren Wesen und dem Ich.
Wie das Bächlein aus dem Schoss der Quelle kommt, kommen wir aus jenem WESEN heraus. Es gibt keine Zweiheit.

Der Tanz ist der Weg zum Einzigen.

 

DAS KLEINE UND DAS GROSSE

Unser Leben hier auf der Erde entspricht der Empfindlichkeit des wirklichen Wesens. Wir haben Lichtempfindlichkeit, Schmerzempfindlichkeit, Geruchssinn, Herzgefühl. Diese Empfindlichkeiten sind Eigenschaften des wirklichen Wesens.

Alle Sinnesfunktionen, alle Körperfunktionen sind ausgestrahlte Kräfte. Auch das Denken ist eine ausgestrahlte Fähigkeit. ... Dadurch entsteht das Ich, das wir kennen. Und das Ich, das anders ist, steht dahinter.

Mit solchen Erfahrungen haben wir in unserem Volk den Frieden gefunden. Wir haben darüber hinaus nichts gefragt.

 

Kapitel 5

In den Moment hinein!

Tanzen und Alltag

Hottotte
Unsere Tanzkunst ist für den Alltag gedacht. Fürs Leben. Unsere Tanzkunst ist geeignet, im Alltag über den Dingen zu stehen.

Tepeh
Das Tanzen ist eine Art von Selbstverständnis, die vielen etwas geben kann. Das Tanzen, wenn es wirklich getan wird, schafft ein anderes Verständnis für alles. Aber ich frage mich, ob die Menschheit als ganzes damit weiterkommt.

Hottotte
An die ganze Menschheit wird bei uns nicht gedacht. Du tanzest und vollendest deine Existenz. Du hast nur diese. Wenn du den Zusammenhang findest und daher voll und ganz mitmachst im Tanz, lebst du einfach, wie du musst. Warum solltest du ein anderer Mensch sein als du selbst?

Was ist gut? Was bringt Fortschritt?

Wir denken, gut ist, wenn ein Mensch eins ist mit dem, was ihr "der Herr" nennt. Das ist das, was wir tanzen nennen. Tanzen bedeutet, aus der Quelle heraus leben. Was sonst? Es muss den ganzen Tag über geschehen.

Tepeh
Der kommende Fortschritt sollte ein guter sein, nicht ein beliebiger. Muss sich der Mensch nicht anstrengen, um gut zu sein... um besser zu werden?

Hottotte
Wir strengen uns an, zurückzukehren aus der Verwirrung und ganz zu werden, damit wir wieder ein Zentrum haben und eins damit sind. Teils sind wir selbst die Beweger des Geistes, teils empfangen wir die Impulse. Welche Impulse? Was kommt da zu uns, was wird uns eingegeben? Es ist sehr vielfältig. Es wird nicht schlecht sein. Es kann nicht schlechter sein als das, was wir aus unserem irdischen Wollen und in unserer Verwirrung meinen, tun zu müssen.

Das Leben ist ein Tanz, so oder so. Aber, wenn wir wie kopflos und sinnlos leben, können wir auch nicht gut sein. Ich glaube, wenn wir das irdische Bewusstsein auf eine Tanzfläche bringen und es im Tanz gewissermassen einem höheren Bewusstsein in die Arme legen, ist es schon recht herauskommen.

Tanzen in jedem Moment

Tepeh
Du hast gesagt:

Eine Tanzfläche muss in einem Moment betreten werden. In jedem Moment?

Hottotte
Jetzt und in jedem anderen Moment. Sobald wir einen Moment auf seine wahre Substanz hin durchdrungen haben, stehen wir auf der Tanzfläche. Eine Tanzfläche ist also immer ein Moment. Der Tanz geht von Moment zu Moment. Das Leben geht von Moment zu Moment.

Tepeh
Der gegenwärtige Moment wird damit mystifiziert.

Hottotte
Nein. Es ist eine Tatsache, dass ein Moment wie ein Tor ist. Ein unsichtbares Tor. Du musst aus der Zerstreuung zurückkehren und auf den Moment zugehen. In einem Moment ist alles, einfach alles. Die ganze Weltgeschichte und die ganze Weltzukunft.

Der gegenwärtige Moment ist der Punkt, durch den wir hindurchdringen, wenn der wahre Tanz beginnt. Wir gehen durch den gegenwärtigen Moment hindurch und treten auf. So ist es. Wir treten auf in einer Sphäre, die dem Moment und seinem Sinn näher steht.

Unser Auftreten auf eine Tanzfläche ist unser Durchdringen durch die Wand des Diesseits. Im Moment von jetzt verlassen wir den Körper ein wenig....und sind doch noch im Körper. Im Moment von jetzt sind wir dem Wesen nah... und bleiben doch noch ein Geschöpf, das nie etwas anderes als ein Spiegel sein kann.

Tepeh
Ein Moment ist nicht erreichbar. Er ist ein Grenzwert.

Hottotte
Das stimmt. Aber es gibt Annäherungen. Durch unsere Bewegungen können wir den Moment ein wenig abbilden. Das Bewusstsein löst sich dabei ein Stück weit. Aber wir lösen uns nicht in Luft auf. Wir finden die Quelle und wir finden die Harmonie der Kräfte, aber wir bleiben körperlich begrenzte Wesen. Das ist eben die Doppelseitigkeit des Tanzens, welche ich dir seit Wochen zu erklären versuche.

In der Sprache meines Volks gibt es die Wörter "Augenblick", oder "Moment" nicht. Früher kam es uns nie in den Sinn, das Gegenwärtige als statisch oder ruhend aufzufassen. Alles bewegt sich, und in jeder Gegenwart ist eine unmittelbar bevorstehende Bewegung zu erkennen. Oder die Bewegung selbst. Keineswegs ist in der Gegenwart ein Stillstehen! Im Moment ist eine gegenwärtige Bewegung. Und wir achten darauf, dass wir gerade eine ausführen. "Der Moment von jetzt" wird in meinem Volk verstanden wie: jetzt handeln, jetzt verwirklichen, jetzt tun. Es gibt da kein Zögern, verstehst du. Es ist eine Handlung angezeigt, eine sofortige Realisierung. Es darf nichts dazwischen kommen. Es darf keine Reflexion dazwischenkommen.

Der Übertritt von hier nach da

Der Übertritt oder Auftritt muss sofort und jetzt getan werden. Alles geht blitzschnell. Du entscheidest dich blitzschnell. Du reinigst dich blitzschnell, indem du alles loslässt. Du lässt alles stehen! In einem einzigen Akt lässt du alles sein. So trittst du in die Mitte einer Tanzfläche!

Es kann etwas Schwindelerregendes geschehen. In einem Moment wirst du mitgerissen in grossem Schwung.

Vor dem Moment

Der Moment von jetzt ist zu vergleichen mit einer Nuss. Stell dir eine Nuss vor! Die Nuss hat eine Schale und einen Kern. Sie ist geschlossen. Die Schale weist dich ab. Wir haben das Tanzen manchmal so ausgeführt: rund herum, gewissermassen der Schale entlang aber mit den Konzentration auf den Kern. Der "Kern" ist der Mittelpunkt aller Dinge. Es ging darum, in den Kern der Dinge einzutreten.

Einige legten spasseshalber Nüsse hin zur Meditation. Dann übten sie sich dann darin, blitzschnell durch die Schale der Nuss in den Kern einzudringen und der Kern der Nuss zu sein.

Tepeh
Ist der tanzende Mensch ganz ohne Bewusstsein, wenn er in einen Moment hinein geht?

Hottotte
Nein, es ist ein Bewusstsein da. Eine Tanzfläche ist ein subtiles Bewusstsein. Das ist ja selbstverständlich. Aber du wirst das, was in diesem Bewusstsein vor sich geht, hier kaum noch rapportieren können. Wir kehren hier zu einer groben Art von Spiegelung zurück. Die feinere Art des Bewusstseins bildet sich nur auf Tanzfläche oder man kann sich vielleicht auch andere Formen von Körper vorstellen – Engelskörper, Geistkörper – welche Träger eines feineren Bewusstseins sind.

Tepeh
Das allerfeinste Bewusstsein verpufft vielleicht im Kosmos unerkannt....

Hottotte
(lacht) Nein, nein. In einem Moment ist es wieder bei sich. Was ausstrahlt, kehrt in einem Moment wieder zurück.

Tepeh
Im gegenwärtigen Moment weiss sogar Gott nichts. Alles ist rein, besitzlos.

Den Moment besteigen

Hottotte
Wenn der Mensch den MOMENT bestiegen hat, reitet er auf den kosmischen Kräften wie ein Wellenreiter.
Wer im Moment ist, überlegt sich nichts, aber ist in Kontakt mit allem. So findet der Mensch die Harmonie zwischen sich und dem Schöpfer. Das ist der Sinn des Tanzens.
Wo liegt wohl das Wesen der Dinge verborgen? Eine Spanne vor dem Herzen, einige Spannen weit über dem Kopf?

Am meisten ist es nirgends, nämlich im gegenwärtigen Moment.

Von Moment zu Moment werden wir zu einem Leben gemacht, das eine Gestalt hat, ein Ausdruck ist, ein Stück Welt ist.

Schon lange sind wir alle hier, um Sinn zu machen und die Leere zu füllen. Ich bin hier, um beizutragen, dass die Welt eine Gestalt hat. Und so habe ich als Mensch eine Gestalt. So erfüllen wir Menschen alle eine Aufgabe und füllen die Leere durch uns. Das haben die Kräfte, die uns zur Entstehung gebracht haben, bewirkt.

Alle Dinge sind dazu da, damit etwas ist und damit genau das ist, was da ist. Das gilt auch für jeden Menschen. Wärst du nicht mehr da, wäre deine Form von Leben fort. Deine einmalige Erscheinung wäre verschwunden. Jetzt aber bist du noch da, um zu leben, um dieser Ausdruck, dieses Bild zu sein.

Das Klingen des Quellens

Tepeh
Im jetzigen Moment bin ich ein Wellenreiter zwischen Vergangenem und Kommendem, bin ich auf einer leeren Fläche, die man den Mittelpunkt der Welt nennen könnte.

Hottotte
Der gegenwärtige Moment ist wie der Mund einer Quelle. Er ist ein dauernder Anfang. Es geht immer nur vorwärts, nicht rückwärts. Stets fliesst es aus ihm heraus. Wenn du mit dem Moment gehst, bist du dem Fliessen des Lichts, dem Fliessen des Wassers ganz nah. Du bist nah beim Niederfliessen des Geistes von den Höhen in die Niederungen. Einige hören dies als Klang.

Tepeh
Mechthild v. Magdeburg sprach vom "fliessenden Licht der Gottheit". Sie empfand ihre Inspirationen als das fliessende Licht ihrer Gottheit.

Hottotte
Mechthild meinte wohl innere Erfahrung: ihre eigene Erneuerung, das ständige Einfliessen in ihrem Inneren. Die Welt ist aber auch im Äusseren so etwas wie ein fliessendes Licht.

Mitfliessen im Moment

Hottotte
Wir kennen keine Weltflucht, sondern nur die Freude daran, zu leben und auf der Welt zu sein. Wir wollen Mitfliessen mit dem Moment. Das ist alles.

Tepeh
Dieses Mitfliessen ist ein stetes Eingedenksein, ein immerwährendes "Im Geist Sein", nicht wahr?

Hottotte
Es gibt das unbewusste Einssein des Menschen, welche sich aus dem Einssein aller Dinge ergibt. Aber es ist selbstverständlich, dass der Mensch ein Bewusstsein des Einsseins braucht. Und das ist mehr als nur eine Erinnerung daran. Es ist eine Aktualisierung davon, eine Realisierung davon.

Tepeh
Was heisst Aktualisierung und Realisierung hier?

Hottotte
Es ist ein anderer Zustand von Kraft. Wenn du das Tor geöffnet hast und es offen halten kannst, ist noch eine andere Kraft in dir... keine grobe übrigens.

Tepeh
Genügt im Alltag die von Zen-Meistern gelehrte bewusste Verrichtung aller Dinge?

Hottotte
Nur ein bisschen bewusst sein im Leben, genügt nicht.
Nach unserer Lehre machst du einen Tanz mit dem Absoluten. Es kommt darauf an, ob dieser Zusammenhang zum Absoluten da ist. Ist er da, dann machst du jede deiner Bewegungen wirklich bewusst. Du musst dich mit diesem Bewusstsein bewegen.
Wir sind im Tanz also auf natürliche Weise zweiseitig. Wir sind innen und aussen. Wir sind nicht aussen und noch ein bisschen "eingedenk", nein, wir sind auf zweiseitige Art eins. Wir sind sowohl als auch. Wir sind Dieses und Das.

Tepeh
Was für ein Zustand von Kraft! Mit dem fliessenden Licht eins zu sein, bedeutet inmitten der Schöpferkraft leben.
Bekommt man da magische Kraft? Wird man wie Moses und Aaron, die die ganze Herrlichkeit des Herrn schauten? Kommt man soweit, auf Du und Du mit dem Schöpfergott zu stehen?

Hottotte
In unserem Volk gab es keine Figuren wie Moses, Jesus oder Mohammed. Aber dass Gott, das Absolute, in einem Menschen sprechen kann, ist für uns nicht aussergewöhnlich. Ganz im Gegenteil: Das sehen wir bis heute als selbstverständlich an. Durch unsere Übungen der Vereinigung wollen wir dieses Sprechen Gottes in uns verstärken. So versuchen wir bis heute, das, was der Moment uns lehrt, im Alltag zu leben.

Tepeh
Gibt es auch Macht, Zeitreisen, Wundertaten und Zauberkraft?

Hottotte
Bei mir nicht. Ich habe einen Nerv, der zur Mitte dieses Kosmos geht, das ist alles. Durch diesen Nerv fliesst allerlei zu mir, aber nicht das, was du meinst. Aber schau, im Grunde genommen sind auch Tiere Beweger des Geistes. Schau, wie die Hühner da auf dem Boden picken! Sie tun Wunder!

Tepeh
... ich überlege mir nur, was man mit einem Nerv zum Kosmos hin noch alles machen könnte....

 

KAPITEL 6

Vom Umgang mit den Kräften

Tepeh
Sind eure Tänze vergleichbar mit Tai Chi?

Hottotte
Das Gegenüber, das wir haben, ist kein anderer Mensch, sondern das SEHEN. Oder, wenn wir selbst im Sehen sind, ist der Körper das Gegenüber.
Unsere Tänze wurden nicht von Kampfpositionen her entwickelt. Auch war uns die chinesische Philosophie ganz bekannt. Unsere Tänze sind nicht als ein Spiel von Yin und Yang gemeint.

Tepeh
Obwohl es in der Sache natürlich trotzdem darauf hinausläuft. Wie ich inzwischen gesehen habe, sehen eure Tänze oft auch so aus wie Tai Chi. Ihr übt zum Beispiel auch die Verschiebung des Gleichgewichts und die Veränderung der Position der Hände.

Hottotte
Bei uns dienen aber die Hände dazu, das Sein einzufangen. Mit den Händen stellen wir manchmal den Kontakt her, der zur Wiedervereinigung führt.

Tepeh
Wie geht das zum Beispiel?

Hottotte
Eine Hand seitlich über der Schulter wie eine Schale gegen oben zum Aufnehmen, die andere Hand mit gestrecktem Arm zeigt zur Erde zur Ableitung. Dann der Wechsel der Position.

Tepeh
Das scheint eine rechtsseitige und linksseitige Energieübung zu sein.

Hottotte
Ich sagte es ja. So kann man Kontakt aufnehmen. Oder auch anders. Am besten erfindest du deine Positionen selber!

Wichtig war bei uns der Geist, in dem getanzt wurde. Der Geist, die Gesinnung oder die Intention war entscheidend. Unsere Tänze haben sich aus dem Feiern von Festen heraus entwickelt. Es stand also ein festlicher Gedanke dahinter. Jeder Tanz sollte eine Feier sein. Eine Feier des Augenblicks. Eine Dankesfeier. Eine Dankesfeier für das Leben.

Tepeh
Ihr habt euch also nie für unwürdig gehalten, vor euer Höchstes zu treten?

Hottotte
Wir wurden würdig dadurch, dass wir es taten!

Tepeh
Und dann seid ihr also hingegangen und habt den gegenwärtigen Augenblick gefeiert!

Hottotte
Man muss in jedem Moment feiern und danken. Man muss danken für den Moment, dann erreicht man die Innenseite des Moments. Es gibt nichts anderes, welches wichtig ist. Die einzelnen Positionen und Bewegungen sind nicht wichtig.

Tepeh
Ihr habt dennoch auch Übungen gekannt...

Hottotte
Wir haben Symbole zur Hilfe genommen. Beispielsweise die Nuss, die ich erwähnt habe. Mit diesen Bildern haben wir etwas fürs Auge, auch fürs innere Auge vor uns gehabt.

Dann gab es noch andere Techniken.
So wurde in der späteren Zeit ein Tanzen in Zeitlupenform entwickelt. Wir hängten uns dem MOMENT an mit ganz langsamen Bewegungen. Die Langsamkeit und Bewusstheit machte den Tanz besonders "innerlich". Auch ältere Herren und Damen pflegen noch bis heute diese Tanzweise, auch wenn sie sonst nur noch sitzen bei ihrer Verwirklichung.

Seelisches

Tepeh
Es geht nicht tierisch ernst zu bei euch. Ganz im Gegenteil wird auch gelacht, und auch das nicht zwangshaft. Aber gibt es nie Trauer bei euch? ein Gefühl von Versagen, Niederlage, Angst, Unzufriedenheit?

Hottotte
Doch. Es gibt alles.

Tepeh
Kann zum Beispiel ein engstirniger grausamer, stolzer Mann mit einem Tanz sich über sich selbst erheben?

Hottotte
Wenn er es richtig macht, ist er dann nicht mehr engstirnig, grausam, stolz.

Aber es gibt Leute, die wirklich Mühe mit der Erhebung im Tanz haben. Das sind im allgemeinen die Menschen, die gegen sich selbst sind. Das sind Menschen, die nicht in ihr Herz eingehen können aus diesem und jenem Grund.

Sinken

Wir kennen natürlich auch Techniken zur Beeinflussung der Seele. Ich rede jetzt nicht von den Seelenkranken, die bei uns durch Schamanen behandelt wurden. Ich spreche von der Psychotechnik, die Gesunde bei sich selbst anwenden mussten, je nach dem.

So etwa: Wenn du im jetzigen Moment nicht zu dir selber kommen kannst, musst du sinken. Man muss den Willen sinken lassen. Es wurde bei uns die Kunst der Demut geübt. Das Fallenlassen. Das Aufgeben. Die Hingabe. Die Ergebung.

Du machst die Regeln.
Ich akzeptiere die Regeln.
Das ist deine Welt.
Ich ordne mich unter.

Manchmal führt nur das Sinkenlassen des Willens in die Gegenwart hinein. Ein verhärteter Mensch ist ein Mensch, der nicht anerkennen kann, dass er machtlos ist. In gewisser Hinsicht müssen wir weich werden, wenn wir die Harmonie mit dem kosmischen Kräften finden wollen. Wir müssen nachgeben, sinken, verschwinden.

Wenn du fragst, ob es bei uns nie Trauer, ein Gefühl von Versagen, Niederlage, Angst, Unzufriedenheit gibt, so kann ich von mir jedenfalls sagen: Natürlich kenne ich das Scheitern. Ich kenne die Erfahrung der Nutzlosigkeit der Bemühungen. Ich kenne Enttäuschung. Ich kenne vereitelte Erwartung. Ich kenne nichterfüllte Hoffnung. Den Mächten des Kosmos sind wir preisgegeben.

Tepeh
Was macht ihr, wenn es euch seelisch schlecht geht?

Hottotte
Wenn es uns ganz schlecht geht, suchen wir einen Schamanen auf, gehen auf tagelange Wanderungen oder lassen uns in einen tiefen Schlaf versetzen.

Wenn es uns nur normal-schlecht geht, gehen wir auf eine Tanzfläche versuchen, hinaus zu fliegen aus den Begrenzungen. Wenn die Seele ein Leiden hat, fördert das oft die Hingabe an das Wesen, welches alles übernimmt.

Tepeh
Jenes Wesen übernimmt alles und nimmt dir alles ab?

Hottotte
Wenn die Umdeutung gelingt, ist alles nur noch jenes Wesen und alles nur noch von dort ausgehend.

Tepeh
Ganz ohne Eigenwillen zu sein, ganz nur hingegeben, ist kaum noch verständlich für uns Europäer.

Hottotte
Weil ihr eure Religion verloren habt. Einem Christen habe ich geraten, die Formeln zu sagen: "Dein Wille geschehe, und es komme Dein Reich!".

Die Formel: "Dein Wille geschehe , es komme dein Reich," führt genau zur selben Haltung. Aller Stolz ist da weg. Der Spiegel ist weg. Kaum noch eigenes Bewusstsein ist übrig. Nun geschieht wahrlich der Auftritt auf der hohen Tanzfläche! Der Auftritt des Grossen!

Unsere Tänze führen weiter, wie ich schon oft sagte. Unsere Tänze führen über die Seele hinaus und über das Schicksal hinaus. Die Tänze lehren, das Leben zu sehen. Zu SEHEN.

Meine Vorfahren haben viel mit dem mentalen Absinken experimentiert. Ich habe gehört, dass da immer einige waren, die einen leeren Blick hatten, und von denen man sagte, dass sie weit weit fort seien. Sie sassen dabei nicht wie Yogis auf dem Fussboden, sondern auf einem Bänklein oder an einen schattenspendenden Baum angelehnt. Ich glaube, diese Leute übten sich, ohne Wahrnehmung zu sein.

Tepeh
Was diese Leute erlebt haben mögen?

Hottotte
Vielleicht lebten sie nur noch im Herz.
Sie liessen sich den Verstand rauben.

Aus dem Tiefsten und Niedersten
kommst du als der Funke, das Leuchten.
Wir treffen uns bei dieser Musik,
zu diesem Tanz.

Ich als der Tiefste und Niederste
verschwinde in dir.Und du bist die Wirklichkeit,
das Ziel, das Ende.Und der Anfang danach.

Hottotte
So ist die Art unserer Verwandlung. Wir wollten stets, dass höhere Mächte uns den Verstand rauben! Und das geschieht! Es ist hervorragend und erwünscht!

Auch du bist gekommen, um dir den Verstand rauben zu lassen.

 

KAPITEL 7

Hinaus !

Tepeh
Oft kommt mir auch das hier nutzlos vor.

Hottotte
Hast du Zweifel an dir, an mir, an allem?

Tepeh
Ja.

Hottotte
Du musst nicht bei mir bleiben! Du bist frei! Du bist fähig, allein zu suchen und zu finden. Und falls du nichts suchen und nichts finden willst, ist es mir auch recht.

Tepeh
Wenn ich bedenke, was es auf der Welt sonst noch gibt! Welchen Reichtum! Welche bunte Vielfalt! Deine Lehre vom Tanzen ist im Vergleich dazu arm und abstrakt. Es geht um Überwindung des Lebens. Es geht um die Nichtteilnahme am Leben. Eure Tänze sind Todestänze. Sie nehmen den Tod vorweg!

Hottotte
Noch vor einigen Wochen hast du den Sinn und den Wert davon erkannt. Heute bist du ohne Geist. Das kommt bei den besten Leuten vor. So ist der Mensch!
Du kannst jederzeit aufhören und das tun, was du für nützlicher hältst.

Tepeh
Ich habe noch gestern geübt. Aber ein Teil von mir strebt zurück, strebt weg von dem. Mit einem Fuss stehe ich jetzt hier, mit dem anderen bin ich woanders.

Hottotte
Ich habe dir stets zu verstehen gegeben, dass die Tanzkunst sich mit allem verbinden lässt, mit nützlichen Verrichtungen ebenso wie mit beschaulichen Meditationen.

Tepeh
Ich weiss wirklich nicht recht, wo ich hingehöre. Ich bin in einem vermischten Zustand.

Hottotte
Nachdem du eine reinere Form des Geistes gesucht und gefunden hast, wirst du aber nicht mehr davon wegkommen. Du kannst zwar ab und zu eine gewisse Abneigung gegen den Geist haben, aber du wirst dich selbst in einem unerleuchteten Zustand immer weniger ertragen.

Tepeh
Meinst du?

Hottotte
Du musst hinaus aus dir! Hinaus in einem einzigen Akt...und sofort alles hinter dir lassen. Tu’s!

Alle unsere Lehren kennen (genaugenommen) kein Vorher und Nachher und nicht ein Fortschreiten von Hier nach Dahin. Alles ist nur in einem Moment wahr, in dem einen Moment, den man ergreift.

Auffliegen

In unserem Volk wurde das Abstossen geübt.
Sobald du dich auf eine Tanzfläche stehen fühlst, bist du leicht. Dein Geist ist leicht. Auf der Tanzfläche bist du fast nur noch Geist. Wenn du noch in der Tiefe festhängst, kannst du jetzt abstossen, um aus dem Körper hinauszuschweben und aufwärts zu schweben.
Aber das sind bildliche Umschreibungen.
Du musst alles, was du von mir vernommen hast und was du überhaupt wiesst, in einem einzigen Akt verwirklichen. Dann mach den Sprung in die andere Welt. Die Reise geht "hinaus aus dem Körper".
Meine Leute hatten nicht den geringsten Zweifel daran, dass das "Hinausschweben" eine vollkommen normale Fähigkeit ist.

Viele übten sich zu diesem Zweck in der Liebe zu einem göttlichen Gegenüber. Sie liebten, sie suchten die Vereinigung. Und schwupp! Schon waren sie in den Armen ihres Gottes oder ihrer Göttin. Es ist für viele enorm wichtig, etwas zum Lieben zu haben, einen Gott, eine Göttin. Dann wutsch! sind sie dort. Sind hinaus! und in einer göttlichen Umarmung.

Tepeh
Ich habe dieses Tanzen schon so erlebt, als ob ich die Herrschaft verlieren würde. Als ob mir alles aus den Händen gleiten würde.

Hottotte
Gut, und du kannst deinen Körper immer noch bewegen. Du bewegst ihn immer noch. Du kannst dich fragen, wer es ist, der ihn bewegt. Oder noch besser: Frag es nicht!

"Es" ist dir entglitten, du bewegst dich noch immer. Das ist ja völlig normal, nicht wahr? Es ist selbstverständlich. Diese Selbstverständlichkeit suchen wir. Der "Tanz der kosmischen Kräfte" ist etwas völlig Normales.

Und dennoch ist die Normalität ein bisschen verändert, wenn sie so erreicht wird.

Was "Tänzer" ist, ist ein bisschen weiter unten. Was "sieht", ein bisschen darüber.

Um ein "Hinaus" geht es am Anfang immer. Unser Tanzen ist eine Verwandlung Einige gehen weit fort, nicht nur hinaus. Aber es muss nicht so sein. Bei uns gilt es als genügend, wenn ein Mensch einige Fingerbreit vor dem Körper ist. Vor dem Herz ist eine Tanzfläche. Alle kennen sie.

Um eine Spanne weiter

Es ist in diesem Fällen so, als ob das Herz sich selbst bewegen würde gegen aussen oder gegen oben. Aber was heisst schon "Herz"? Das ist man selber. Herz ist bereits eine verwandelte Form von einem selber.

Die Orte, an denen unser Tanz beginnt, sind Orte der Verwandlung. Du bist dort anders als hier, zwar derselbe Mensch, aber du denkst und fühlst anders.

Tepeh
In eurem Volk – diesem Naturvolk – hat man nie eine äussere Entwicklung gesucht, nie technischen und sozialen Fortschritt, nur immer innere Entwicklung, Einordnung in den Kosmos, Einklang, Harmonie. Ist das nicht der Grund dafür, dass ihr stets auf primitiver Stufe stehen geblieben seid?

Hottotte
Vielleicht. Aber wir lebten nicht schlechter damals. Und inzwischen sind wir umgekehrt eure Lehrmeister geworden in einem Gebiet, welches ihr vernachlässigt habt.
Ihr wisst doch selbst, was ihr vernachlässigt habt: die Seele, den Sinn, die Wirklichkeit. Ihr tut so, als ob es nur ein Diesseits gäbe. Das ist lächerlich.

Vereinigung mit der Quelle

Wir haben die andere Seite des Lebens nie in Frage gestellt. Die andere Seite ist das, was jenseits des Todes ist. Wir haben keinen Todeskult gemacht, und unsere Tänze waren keine Todestänze. Doch wir pflegten hinüberzuschauen in die andere Welt. Wir waren sicher, dass das das Leben nur von dort her einen Sinn hat.

Tepeh
Inwiefern? Wo ist der Sinn zu finden?

Hottotte
In der Quelle des Lebens.

Tepeh
Jetzt nennst du es "Quelle des Lebens"!

Hottotte
Die Quelle des Lebens ist dasselbe wie die Quelle des Sehens. Das ist die eine Quelle, die sowohl diesseits als auch jenseits des Todes wirkt.

Wir suchen die wahre Quelle: Das ist der Grund, warum wir aus uns hinausgehen. Wir suchen und finden. Wir finden die Quelle darin, dass wir ihrem Fliessen nachgeben. Da fliesst es und fliesst und fliesst. Was soll ich sonst noch sagen? Es geht ums Nachgeben und ums Mitfliessen.

Wir üben es, uns hinauszuwerfen in die andere Welt, in der wir der Wahrheit näher sind. Dann bewegen wir uns mit dem Kräften des Himmels im Einklang. Durch die Bewegungen, die wir im Tanz ausführen, können wir die Quelle erforschen, können ihr Wirken kennenlernen, können ihre Art kennenlernen. Unsere Bewegungen werden eins mit dem Fliessen In diesem Sinn fliegt das Herz hinaus zur Quelle! Das Herz fliegt hinaus in die Quelle! Nichts anderes ist wünschenswert als sie. Solange wir dem Fliessen der Quelle begegnen, sind wir ein Spiegel, ein Auffangbecken.

Während des Tanzen können wir aber auch erleben, dass wir auf der Seite der Quelle stehen.

Es gab da zwei Auffassungen bei uns. Die eine:
Du siehst den Bach, und gehst dem Bach entlang zu seiner Quelle zurück. Die andere: Der Mensch soll nicht die Quelle des Bachs suchen. Er soll mit dem Bach gehen. Er soll der Bach sein.

Tepeh
So, wie ich dich kenne, willst du beides gleichzeitig verwirklichen.

Hottotte
Nein, ich halte die zweite Auffassung für die bessere.

Schlaf ein!

Tepeh
Vielleicht finde ich heute nacht im Traum, was ich am Tag nicht finde.

Hottotte
Ja, lass dich schlafen! Vielleicht legt sich beim Einschlafen eine Decke über dich! Es bildet sich ein Zelt über dir. Es wölbt sich das Himmelszelt über dir. Da wirst du dich leicht erweitern und den Schlaf überlisten, seiner Betäubung entgehen.

Der Flug des Papierdrachens

Hottotte
Wenn der Wind bläst, steigst du wie ein Papier-Drache auf, steigst höher und höher.

Tepeh
Gibt es bestimmte Gesten, Tanzschritte?

Hottotte
Versuch es einmal mit der "Geste des Schenkens von Herzen". Wir führen sie mit beiden Händen aus, beginnend bei der Gürtellinie. Mit den Handflächen nach innen gerichtet erfolgt eine Aufwärtsbewegung, wobei sich die Hände in der Höhe des Herzes oder des Halses nach aussen drehen und nun auf den Handflächen das Geschenk gegen vorne darbringen. Die Bewegung führt hinaus und empor.

Tepeh
Und die Hände?

Hottotte
Immer musst du auf die Stellung der Hände achten. Das gilt, ob du nun wirklich tanzest, in Meditation dich bewegst oder im Traum. Alles, was du mit dem Händen machst, ist von grosser Wirkung. Wie hältst du die Handflächen? Gegen rechts, links, gegen oben, unten, gegen vorne oder nach hinten? Probier es aus! Mit den Händen kannst du anziehen, abstossen, bannen, kannst umlenken, kannst sammeln, Energie schöpfen, emporheben. Du kannst geben und nehmen, empfangen, ableiten. All das ist brauchbar.

Tepeh
Diese Bewegungen lassen sich wohl nur mit dem irdischen Körper machen.

Hottotte
So lernt man es am besten. Aber auch mit dem richtigen Körper bewegst du spirituelle Kräfte.
Mit den Händen kannst du sehr viel machen. Du kannst damit auch die Knospen der Lotusblüten öffnen.

Tepeh
Und mit dem Atem?

Hottotte
Der Atem ist das A und O. Damit steigst du in alle Höhen. Aber das Atmen lehre ich nicht. Atemtechnik ist das Gebiet meines berühmten Kollegen Mungan Ngana.

Tepeh
Mungan Ngana... Seltsamer Name.

Hottotte
Auch ein Übername wie meiner. Bedeutet "Vater Unser" auf australisch.

Tepeh
Und dein Name?

Hottotte
Stammt aus der Pferdesprache, vermutlich. Verliehen wurde mir dieser Name allerdings, als ich in den 50-er Jahren als leidenschaftlicher Jazztänzer hervortrat.

 

KAPITEL 8

Menschwerdung

 

Nichts anderes ist wünschenswert

Tepeh
Eine Ekstase ist nicht der letzte Sinn im Leben, sagst du.

Hottotte
Wir tanzen, um eins zu sein. Das ist auch eine Ekstase, aber nicht so eine, wie du meinst.

Tepeh
Du lehrst eigentlich, wie man richtig leben soll...

Hottotte
Ich lehre, wie der Mensch das Leben als einen spirituellen Tanz erleben kann. Ich lehre, wie man auf die richtige Seite zu stehen kommt.

In unserem Volk gab es eine Lehre, die von der Beobachtung der Pflanzen und Tiere her inspiriert war. Die Leute in meinem Volk erkannten schon damals, dass wir Menschen ähnliche Fähigkeiten wie die Pflanzen und Tiere haben, nämlich Empfindungsfähigkeit, Reaktionsfähigkeit, Sehfähigkeit usw. kurz Lebensfähigkeit.

Mein Grossvater sagte zu mir: "Was du auf der Erde bist, ist nur ein Fühler oder ein Auswuchs. Da lebt etwas: Es will sehen. Daher hast du Augen, die sehen. Es lebt etwas im Verborgenen. Nun will es auf der Erde gehen. Darum hast du Füsse. Es wächst so hervor. Es macht eine Geschichte, und du bist der Zeuge deiner eigenen Geschichte. So geht das. Und nun lerne tanzen, damit du keine Fragen stellst und eins bist mit allem."

Das Absolute ist zu Leben geworden. Wir haben Lichtempfindlichkeit, Schmerzempfindlichkeit, Geruchssinn, Ahnungen. Woher sollte das kommen, wenn nicht aus einem absoluten Wesen heraus, das wie ein MENSCH ist? Der Mensch wächst aus dem MENSCHEN heraus. Der wahre MENSCH zu sein ist wünschenswert.

Nichts anderes ist wünschenswert.

Tepeh
Teils geht es euch darum, mehr als ein Mensch zu sein.

Hottotte
Es geht darum, mehr als ein Schatten von einem Mensch zu sein, ein bisschen wirklich der MENSCH. Die Überzeugung, dass wir Menschen auf dieser Erde nur wie Schatten sind, ist sehr alt. Aber wir können etwas tun und etwas Licht hereinlassen. Wenn wir auf der Lichtseite stehen, hilft es der Schattenseite.

Tepeh
Ich übe das. Aber können es andere, werden es viele können? So eine Überantwortung an etwas Geistiges ist in der heutigen Zeit völlig ungewöhnlich.

Hottotte
Ach, die heutige Zeit! Sie wird zur morgigen Zeit.

Tepeh
Manchmal denke ich, es gibt kein Morgen mehr für diese Menschheit.

Hottotte
Ach was! Und wenn morgen der Tod käme: Wir müssen diesen Tanz als Tanz erkennen.
Zu Lebzeiten müssen wir uns emportragen. Wir müssen es sofort tun. Wozu warten? Wozu es verschieben? Wir müssen uns emportragen oder emportragen lassen, weil es sinnvoll ist, weil die Welt dazu angelegt ist, und weil es richtig ist, es zu tun.

Tepeh
Das ist auch ein Weg zur seelischen Gesundheit.

Hottotte
Ja. In Harmonie sein mit den kosmischen Kräften, ist ein guter Zustand. Kosmische Harmonie führt zu menschlichem Wohlbefinden. Der Mensch muss aber zuerst handeln und sein Herz bewegen. Wir tragen uns empor. Wir bringen uns dar, wir gehen hin.

Tepeh
Ihr bejaht das irdische Leben. Gilt das noch?

Hottotte
Was wir bejahen, ist die Wirklichkeit dieses Lebens, also die Essenz davon, und nicht die Diesseitigkeit davon.

Tepeh
Menschen verwechseln im allgemeinen das Leben , das sie empfangen, mit sich selbst. Sie meinen, sie seien selbst jemand. Sie wissen eigentlich nicht, wer sie sind.

Hottotte
Wir gehen hin auf eine Tanzfläche, um der Quelle zu begegnen: Da ist das wahre Selbst. Es ist das, was entgegenströmt. Es ist das, was "sieht".

Der Beginn des Tanzes

Tepeh
Du erklärst zu wenig, wie es zur Bewegung kommt. Wenn man an einen Tanz denkt, stellt man sich wohl ein Drehen, ein Hin- und Herschreiten, ein Vor und Zurück, ein Auf und Ab vor, alles schön im Takt.

Hottotte
Du fragst noch immer dasselbe. Wir haben schon oft vom Auftreten gesprochen. Das Auftreten ist wie ein kleiner Ruck. Gut. Und dann ist es geschehen. Jetzt, an diesem Punkt angelangt, wird jede Bewegung eine Tanzbewegung sein, auch eine willkürliche.

Tepeh
Eine willkürliche also darf es sein... Und wie kommt eine willkürliche Bewegung zustande?

Hottotte
Kein Mensch weiss, wie eine Bewegung zustandekommt. Alle Bewegungen sind aussergewöhnlich geheimnisvoll und rätselhaft. Wir lassen die einzelnen Bewegungen des Tanzes als ein Rätsel dastehen, ungedeutet..., auch wenn sie willkürlich von uns aus gehen.

Die Ethik

Tepeh
Für dein Volk muss es ausserordentlich bemühend gewesen sein, sich als ein Stück des Kosmos fühlen zu müssen und eins zu sein mit den Kräften des Himmels... Nicht alle Mitglieder eures Stamms haben das erreicht, nehme ich an.

Hottotte
Nein.
Einige Tänzer blieben auf niedrigerer Ebene. So fanden viele ihre Identität in der Körperempfindung. Einige fanden die höhere Wahrheit zum Beispiel in der sexuellen Kraft, und ihr Tanz beschränkte sich auf einen Kult der sexuellen Kräfte.

Tepeh
Das hast du vorher nie erwähnt!

Hottotte
Ich habe noch vieles nicht erwähnt.
Es gibt verschiedene Erfahrungen der himmlischen Kräfte. Die sexuelle Kraft gehört dazu. Es gibt leider viele Menschen, die nur im sexuellen Bereich je etwas Höheres erleben.

Tepeh
Das gab es bei euch auch?

Hottotte
Sicher. Wir haben es toleriert, wenn sie sich bemühten, etwas Höheres dabei zu fühlen. Das ethische Ziel unserer Lehre ist Überwindung des Eigenwillens. Wir möchten, dass ein höherer Stern über uns leuchtet den ganzen Tag über.

Tepeh
Ich muss etwas Grundsätzliches sagen: Eigentlich wisst ihr nichts. Was ihr entdeckt habt, ist nur eine Technik, um verrückt und hirnlos zu werden.

Hottotte
Verrückt! Hirnlos! (lacht)

Warum nicht? Du hast recht. Aber, wenn wir hirnlos sind, so seid ihr die Hirn-Pest, und wir haben sie überlebt. Wir waren robust. Wir haben auch andere Epidemien überlebt, und wir haben die Christianisierung überlebt. Jetzt sehen wir, dass wir eine Art auserwähltes Volk sind. Wir haben überlebt, weil wir auserwählt sind. Und wir sind vielleicht dazu auserwählt, euch Hirngeschwülsten eine hirnlose Wahrheit zu zeigen.

Tepeh (lacht)
Jetzt wirst du ordinär. Man sieht jetzt, wie du auf einer primitiven Stufe stehen geblieben bist.

Hottotte
Eure Kultur ist ein schlechtes Theater. Ein schlechtes, langweiliges Stück, ohne Sinn und Ende, von Schmierendarstellern gespielt. Wir sind immun gegen euch.

So wie andere Völker noch Kühe oder Götzen anbeten, betet ihr Maschinen und Geld an. Wir dagegen gehen zum MENSCHEN, zum wirklichen, der erst kommt.

Tepeh
Und was glaubt ihr, was das auf der Erde bewirken wird?

Hottotte
Was mit der Welt in Zukunft geschehen wird, wissen wir nicht. Es ist schon rätselhaft genug, dass sie überhaupt existiert. Für uns ist das Leben auf der Erde eine Durchgangsstation. Etwas hat uns für kurze Zeit kommen lassen. Es lebt hier in unserem Körper. Es lebt anderswo genauso.

Wir suchen dieses ETWAS, diese Wirklichkeit, über seine Ausstrahlung. Wir suchen die Wahrheit durch das Hineinwachsen in sie hinein.

Wer nicht täglich "wahr" wird, verwahrlost.

Wer sich nicht verinnerlicht, wird krank.

"Du sollst täglich Mensch sein", sagt man bei uns.

Das ist es, was menschenwürdig ist. Euer Leben gegen die Zeit, euer Anhäufen von irdischen Gütern, eure Ethik des Sinnenreizes und der Wichtigtuerei ist nicht würdig.

Bist du auf der Tanzfläche, dann tanzest du mit dem Absoluten. Tust du es, dann bist du auch ein Mensch auf der Erde. Auf der Tanzfläche bist du jetzt dem wahren MENSCHEN, der du bist, sehr nah, übernah. Du hast IHN im Arm und ER dich. Du behältst nichts von dir zurück. Du gibst dich hin, und ein anderer Sinn greift über. Dein ehemaliges Ich ist weg. Und wenn es wiederkommt, dann ist es SEINES.

 

Autor  :  Thomas Dunn               homepage:  www.dunn.ch

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rev.3.11.99