TODESTÄNZE DER WILDEN

Die Lehre des Tanzmeisters Hottotte, einem Austrindianer

Spiritualität und Mystik
für Europäer

 

INHALT

Kapitel 1 -- Den Tanz Sehen
Kapitel 2 -- Die Tanzflächen

Kapitel 3 -- Der Glanz

Kapitel 4 -- Ein Beweger des Geistes sein

Kapitel 5 -- In den Moment hinein!

Kapitel 6 -- Vom Umgang mit den Kräften

Kapitel 7 -- Hinaus!

 

 

KAPITEL 1

Den Tanz sehen

 

Prolog : Den Tanz sehen

Tepeh
Ich komme zu dir, dem berühmten Tanzmeister Hottotte, um Unterricht zu nehmen.

Hottotte
Sei gegrüsst. Woher kennst du meine Adresse?

Tepeh
Von der Tanzschule Blocher in Oerlikon. Die üben dort so eine Art Yogatanz, der von dir her inspiriert ist.

Hottotte
Der Blocher, aha... er ist geschäftstüchtig. Aber ich habe nichts mit jener Tanzschule zu tun. Weiss du, was ich lehre?

Tepeh
Ja.

Hottotte
Ich lehre, was von den Tanzkünsten meines Volkes noch bekannt ist.

Tepeh
Eben. Ich tanze zwar nicht gern. Aber ich hab gehört, dass es bei dir nicht ums Tanzen geht.

Hottotte
Um was sonst?

Tepeh
Um die Seele, die Erhebung der Seele.

Hottotte
Und das willst du lernen?

Tepeh
Ja.

Hottotte
Gut. In unserem Volk wurden aber stets richtige Tänze ausgeführt. Das ist bis heute so. Bei uns üben alle das Tanzen, auch die Frauen. Das körperliche Tanzen ist auch wichtig, und nicht nur das seelische. Das richtige Tanzen willst du also nicht lernen?

Tepeh
Nein. Ich möchte eher das Ergebnis davon kennenlernen. Ihr sollt ja eine richtige Philosophie entwickelt haben.

Hottotte
Gewiss. Wir haben eine hohe Kultur. Doch man muss tanzen, um diese Philosophie zu verstehen. Es ist nicht einfach, sie zu verstehen.

Tepeh
Ich habe Zen geübt, Yoga, und habe transpersonale Psychologie studiert.

Hottotte
Und warum bleibst du nicht dabei?

Tepeh
Irgendwie hat es mir nicht gereicht.

Hottotte
Nur immer das Neuste ist gut genug. Aha! Du scheinst ein unruhiger Mensch zu sein.

Tepeh
Genau das bin ich. Ich kann nicht ruhig sein. Vielleicht sollte ich tatsächlich ein richtiges Tanzen lernen. Das könnte mir vielleicht helfen beim Unruhigsein.

Hottotte
Ja, eine Bewegung besser als das Stillstehen. Das hätte ich gern mal dem Meister Eckhart gesagt, welcher lehrte: "Stillstehen so lange als möglich, ist dein Allerbestes."

Tepeh
Du kennst Meister Eckhart?

Hottotte
Persönlich nicht, aber ich kann lesen. Ich bin ein Studierter.

Tepeh
Dachte ich doch! Und Eckhart irrte, deiner Meinung nach?

Hottotte
Nein, das nicht. Er meinte es innerlich. Da ist das Stillstehen gut. Sonst aber ist es schlecht. Der Mensch braucht kein Stillstehen.

Wir in unserem Volk haben insbesondere Bewegungen geübt, um das Höhere, das wahre Wesen zu finden. Wir haben das Stillstehen durch Bewegungen gesucht: durch Tanzen. Im Tanzen fanden wir die Beziehung zum Höheren. Natürlich geht es nicht um Zerstreuung bei unserem Tanzen, das weisst du wohl, ganz im Gegenteil.

Das Tanzen bei uns ist eine Reinigung, eine Bewegung hin zu Wohlbefinden und Frieden. Im Tanz wollen wir uns seelisch erheben und andere Dimensionen kennenlernen.

Tepeh
Ich weiss! Das ist der Grund, warum ich gekommen bin. Das Tanzen in eurem Volk entwickelte sich zu einer geistigen Tätigkeit...

Hottotte
Unsere Tanzkunst ist eine spezielle Art von Yoga. Aber das wussten wir damals nicht. Wir haben nicht viel von anderen Völkern gewusst. Wir haben einfach dieses Tanzen gemacht.

Nachher dann, als wir in Kontakt mit anderen Völkern kamen, haben wir gesehen, dass wir nicht die einzigen waren, die diese Art von Tanz übten.

Tepeh
Alle Naturvölker haben getanzt. Aber spirituellen Tanz wie bei euch gab es wohl nur noch bei den Sufis.

Hottotte
Nein, nein. Es gab mehr, die es machten. Aber vielleicht sind wir die einzigen, die die alten Vorstellungen weiter entwickelt haben. Wir sind nach und nach von ein „bisschen tanzen“ zum absoluten Tanzen gelangt. Das ist es wohl, was uns in der heutigen Zeit aktuell macht.

Tepeh
Inzwischen haben viele Europäer ein Bedürfnis nach geistiger Erhebung entwickelt. Nur darf neuerdings keine Religion mehr dahinterstecken. Die persönliche Freiheit muss gewahrt bleiben. Selbstverwirklichung ist es, was man sucht.

Hottotte
Es ist nicht wirklich sinnvoll.

Tepeh
Glaubst du nicht an eine spirituelle Erneuerung in Europa und Amerika?

Hottotte
Nein. Die Möglichkeiten, ein falsches Leben zu führen, sind zu gross. Auch die Zwänge, ein falsches Leben zu führen, sind sehr gross.

Wir damals konnten nicht falsch leben. Wir lebten sehr eingeschränkt. Wir entdeckten dann, dass das Tanzen uns erhebt. Der Kontext damals war natürlich ganz anders als heute.

Tepeh
Aber euer Tanzen gilt heute als aktuell. Insbesondere dann, wenn man das körperliche Tanzen weglässt und den körperlichen Tanz ins Geistige transponiert....

Hottotte
Du weisst es wahrscheinlich schon besser als ich. Alle Leute, die zu mir kommen, wissen schon, was sie hören wollen. Sie wollen nichts davon hören, dass es bei uns wie überall mit Trommeln, Gongs und einfachen Instrumenten begann. Sie wollen nichts von der Geschichte dieser Tänze hören, wollen nichts von den Grundlagen wissen.

Nun: Es gab magische Tänze, die Beschwörungstänze, die Tänze in einer Maske. Wir kannten die Tänze, die zu Rausch und Besessenheit führten.

Erst spät entwickelten sich neben diesen magischen Tänzen die spirituellen. Die spirituellen Tänze aber wurden nicht einfach von heute auf morgen gemacht, so wie ihr es machen wollt. Wir hatten eine alte Tradition. Wie willst du das Tanzen, das ich lehre, verstehen, wenn du nichts hören willst von den Wurzeln dieses Tanzens?

Tepeh
Ich habe über euch gelesen:

"Das unbewusste Tanzen, das bis zur Besessenheit oder bis zur Ekstase führt, wird heute allerdings kaum noch geübt. Das ist vorbei. Geübt werden nur noch die spirituellen Tänze."

Hottotte
Ich kenne den betreffenden Artikel. Darin wird die Meinung vertreten, dass bei uns die Vernunft gesiegt hat, dass wir "sauber" sind. Das ist vollkommen unsinnig. Alle unsere Tänze sind magisch und unbewusst.

Tepeh
Mich interessieren einfach am meisten jene, die eine spirituelle Wirkung haben. Ich hörte, dass ihr den körperlichen Tanz ins Geistige transponiert....

Hottotte
Ach was! Wir bewegen uns einfach. Das kommt von der alten Sache her, die ihr Magie nennt. Dann haben wir eine subtilere Magie entdeckt. Wir haben eine neue Ebene entdeckt, zusätzlich zur anderen. Aber die andere, die primitive Seite, ist immer noch da.

Tepeh
Sie ist in jedem Menschen da.

Hottotte
Ja, wie auch das Geistige, das Höhere. Und das ist es also, was du suchst.

Tepeh
Ja.

Hottotte
Ohne Bewegungen wirst du das Geistige nie finden. Tanz brauchst du so oder so. Und was willst du damit erreichen? Du müsstest es wissen!

Tepeh
Vielleicht Befreiung.

Hottotte
Das ist viel. Wo man doch als Mensch nie frei ist…..

Tepeh
Du sollst der Hüter einer alten Tradition sein, habe ich gehört. Du bist spezialisiert auf die Essenz des Tanzes.

Hottotte
Die Essenz des Tanzes möchtest du kennen?

Tepeh
Kannst du darüber berichten?

Hottotte
Man kann es nicht.

Tepeh
Offenbar kann man es doch.

Hottotte
Manchmal kann man, manchmal nicht. Es braucht Vorbereitungen, Momente.

Bei uns war es so: Zuerst waren die üblichen Umstände für einen Tanz vorhanden: eine Tanzfläche, eine Gruppe von Musikern oder von Trommlern und die Leute, die tanzen wollten. Gut, und dann ging es los!

Es war jedermann klar, dass der Tanz einen sakralen Charakter haben sollte. Das war die Absicht. In diesem Sinn waren die üblichen Umstände für einen Tanz gemeint: die Tanzfläche, die Musik. Die Leute traten in diesem Sinn auf. Die Trommler trommelten in diesem Sinn.
Wir haben viele Tanzanlässe gehabt im Verlauf eines Jahres. Alle diese Anlässe hatten etwas Zeremonielles. Wir hatten Tanzbühnen. Sie wurden für den Anlass geschmückt, die Menschen schmückten sich ebenfalls.

Tepeh
Das war einmal. Aber jetzt ist es anders.

Hottotte
Es ist noch immer so. Du kannst zwar manches auf das meditative Tanzen übertragen. Aber auch jetzt noch braucht es einen Anlass. Der Anlass ist und bleibt heilig. Für jede Erhebung braucht es einen Anlass. Wenn Musik und Perkussion fehlen, wenn du keinen Tanzboden vor dir hast, wird es schwieriger sein, den Anlass zu erkennen.

Tepeh
Aber es kann bei euren Tänzen nicht nur die Musik fehlen, es kann auch das Tanzen seingelassen werden... so dass es nur noch innerlich ausgeführt wird.

Hottotte
Ja, das ist die höchste Stufe des Tanzens.

Tepeh
Auf der höchsten Stufe ist der Tanz kein Tanz? Wie geht das?

Hottotte
Wir haben Jahrhunderte lang getanzt. Im Verlauf dieser Jahrhunderte haben wir entdeckt, dass es beim Tanzen nicht ums Tanzen ging, sondern um die Lösung von uns selbst. Diese Tänze waren somit Anlässe zu einer Lösung von uns selbst. Einmal war der Zeitpunkt erreicht, an welchem wir das bemerkten. Es wurde bemerkt, es wurde besprochen, es wurde begriffen. Von da an veränderte sich das ursprüngliche Tanzen.

Tepeh
Wie kam es dazu?

Hottotte
Einige trennten sich von sich selbst, denke ich. Sie sagten es weiter. In jener Zeit begannen die Tänzer, ihr Tanzen objektiv wahrzunehmen. Sie sahen sich beim Tanzen. Sie fühlten sich tanzen. Und dass immer mehr in ihrem ganzen Leben.

Tepeh
Sie sahen sich also auch in ihrem gewöhnlichen Leben wie aus Distanz?

Hottotte
Ja. Es waren aber die Tänze, die dieses Wissen schafften. Man entdeckte die Lösung vom Körper während des Tanzes. Man SAH sich. Das ist das Besondere.

Aber das kann man nicht einfach denken. Das muss geübt werde.

Die richtigen, mit dem Körper ausgeübten Tänze, wurden von den Betreffenden, die das verstanden hatten, nicht aufgegeben. Aber bei diesen Leuten war das körperliche Tanzen fortan nicht mehr so wichtig. Es gab jetzt das innere Tanzen, das Tanzen von innen her. Es wurde kosmisch. Fortan tanzten sie, um zu SEHEN, wie sie sich im Tanz befanden und um zu fühlen, was sie zum Tanzen brachte.

Tepeh
So bekam das äussere Tanzen einen ganz neuen Sinn.

Hottotte
Es bekam zum ersten Mal jetzt einen überragenden Sinn.

Tepeh
Ist seither nur-äusserliches Tanzen verpönt als minderwertige Tätigkeit?

Hottotte
Verpönt nicht. Aber darauf, dass das Tanzen geistig zu sein hatte – nicht nur berauschend -- wurde mehr Wert gelegt. Das geistige Tanzen wurde gelehrt. Schon in frühen Zeiten wurde von Jugendlichen nicht nur das äussere Tanzen verlangt, sondern auch das innere.

Das äussere Tanzen war nur vollendet, wenn es auch innerlich vollendet war.

Tepeh
Aber was innerlich ist, konntet ihr doch nicht überprüfen!

Hottotte
Man sieht es schon, wenn ein Tanz gut ist.

Tepeh
Und dafür muss der Tänzer sich tanzen sehen. Er muss sich selbst beobachten beim Tanzen?

Hottotte
Das ist es, was wir lehren.

Tepeh
Es geht darum, die vollkommene Ausführung des Tanzes zu sehen.

Hottotte
Nein, es geht einfach ums Sehen. Das ist ein Zustand von Freiheit. Wie der Tanz ausgeführt wird, ist nicht wichtig.

Tepeh
Ihr löst euch vom irdischen Bewusstsein. Und dann erfolgt so etwas wie eine schamanische Reise?

Hottotte
Eine Reise kann man es nennen.

Aber unter den Begriff Schamanismus lässt sich das Tanzen nicht gut einordnen. Vielleicht früher, aber jetzt nicht mehr. Das spirituelle und kosmische Tanzen hat sich von schamanistischen Praktiken entfernt. Schamanen sind Arbeiter, die gewisse Arbeiten verrichten und Kräfte wecken. Wir hingegen kümmern uns um das Absolute... vereinfacht gesagt. Wir beschwören keine niederen Geister. Unsere Tänze haben einen befreienden Charakter.

Tepeh
Ich habe gehört, dass ihr eure Tänze eher als Freudentänze auffasst. Jedenfalls haben eure Tänze eher einen freudigen Charakter.

Hottotte
Diese Tänze dienen dazu, Frieden und Harmonie zu finden.

Tepeh
Ihr habt nicht euren Göttern damit gedient?

Hottotte
Zuerst schon, dann nicht mehr. Götter sind unwichtig. Es geht beim Tanzen darum, den Schöpfer der Welt, also den einen Geist zu finden und darzustellen.

Tepeh
Euer Tanzen ist eine Versenkungspraxis. Daher komme ich zu dir, Hottotte! Wie ich hörte, kann man euer Tanzen einzig durch Vorstellung, also meditativ, ausführen.

Hottotte
Nicht ganz. Du musst Bewegungen ausführen mit deiner Seele, vielleicht auch deinem Körper. Wir sitzen nicht einfach fest.

Tepeh
Welche Vorbereitung braucht es für den Beginn?

Hottotte
Keine. Fang einfach an damit! Bei uns tanzt man zum Vergnügen. Man tanzt bei jeder Gelegenheit. Getanzt wurde schon in früher Zeit sehr individuell, ohne vorgeschriebene Schritte. Weder Tango noch Foxtrott. Walzer wäre noch am besten.Viele tanzten mit geschlossenen Augen: innerlich.
Du kannst dich frei fühlen bei der Ausführung deines Tanzes. Du musst nur jede deiner Bewegungen benützen lernen. Das ist es. Jede Deiner Bewegungen bringt dich in den Tanz ein. Es braucht eigentlich nichts dafür. Einen Moment... Die Tatsache, dass du lebst, genügt.

Tepeh
Früher habt ihr Ort und Stunde gekannt, Tanzflächen, den Anlass!

Hottotte
Heute ist manches abstrakter. Heute bauen wir die Tanzbühnen innerlich. Der Tänzer stimmt sich auf die Ebene ein, auf welcher er auftreten will. Er sucht sie auf, er betritt sie. So hat er zu tanzen angefangen...

Tepeh
Gibt es Hilfsgeister, die man anrufen kann?

Hottotte
Früher pflegte man auf den Tanzflächen oder am Rand derselben Götter zu sehen. Einige sagten mir, es sei gut, die Götter zu kennen und sie mit ihrem Namen anzurufen. Durch das Anrufen werde das Auftreten auf der Tanzfläche erst ermöglicht oder der Tanz werde beschwingter. Das mag sein. Wir haben ja oft sehr Mühe, überhaupt auf die Tanzfläche zu gelangen.
Doch jene Leute, die solche Götter sehen, haben mir empfohlen, den Göttern nie in die Augen zu sehen.

Tepeh
Warum nicht?

Hottotte
Weil Götter uns bannen. Gemeint sind hier kleine Götter. Bannen sie uns, dann haben wir Stillstand. Wir gelangen nicht ins Zentrum. Es gibt dann keinen Tanz. Das sind so alte Vorstellungen....

Tepeh
Jetzt gehst du in eine Traumwelt...

Hottotte
Ja. Tanzflächen sind Traumwelten. Sie sind zwar real und nicht beliebig, aber sie haben die Qualität von Träumen. Du hast soeben etwas Wichtiges gesagt.

Tepeh
Erklär mir, was eine Tanzfläche ist!

Hottotte
Die geistige Welt hat besondere Orte. Eine Tanzfläche ist ein besonders guter Ort. Tanzflächen haben einen Geist, eine eigene Art von Subtilität, jede Tanzfläche ist eine Erhebung von einer bestimmten Qualität...

Tepeh
Eine Tanzfläche ist also eine höhere Welt.

Hottotte
Ich erwähne nur diese. Es gibt aber auch niedrige. Vielleicht gibt es die Hölle? Der Alltag der meisten Menschen jedenfalls kann als eine niedrige Tanzfläche bezeichnet werden. Wir aber wollen nur von den höheren sprechen.

Auf einmal kommt der Kontakt zustande. Du bist dort. Du weisst es.
Die Tanzfläche ist vor dir! Ein grossartiger Moment! Du gehst hin. Du bist drin. Du bist drauf. Am Anfang wirst du blind sein vor Ekstase.

Aber bei uns ist Ekstase nicht das Ziel. Wir wollen wach sein, wollen wach werden. Wir wollen die Tanzfläche sehen. Wir wollen uns selber sehen auf der Tanzfläche. Wir wollen die ganze Welt neu sehen.

Das ist es. Das ist die ganze Lehre. Mehr ist nicht zu sagen.

Tepeh
Willst du mich schon entlassen?

Hottotte
Was willst du noch?

Tepeh
Noch bin ich kein Tänzer! Ich habe nicht begonnen.

Hottotte
Wir müssen noch über das Honorar sprechen! Es wird nicht billig sein.

Tepeh
Ich gebe dir die Hälfte meines Vermögens.

Hottotte
Gut. Aber einen perfekten Tänzer kann ich nicht aus dir machen. Ich bin es selber nicht.

Tepeh
Für den Anfang reichen deine Talente wohl.

Hottotte
Oft denke ich, damit ein vollkommener Tanz entsteht, braucht es vielleicht Millionen von menschlichen Eintagsfliegen, wie wir es sind, Millionen und Abermillionen. Einer lehrt den andern, gibt sein Wissen weiter. Das Wissen wächst. Und dann? Dann gibt es vielleicht einmal den vollkommenen Menschen.

Tepeh
Wer ist vollkommen?

Hottotte
Ich spreche von Menschen.

Ein Mensch, der vollkommen ist, antwortet seinem Geist ohne Widerrede. Er gehorcht seinem Geist ohne Antwort. Er ist selbst der Geist und lebt dennoch auf der Erde. Er weiss es und führt das Leben, das er hat.

Er SIEHT.

Das ist das, was der Tanz, den ich lehre, zustandebringt. Der Tanz führt zu Frieden und Harmonie und zu Kraft. Wir müssen das täglich üben. Das ist der praktische Sinn des Tanzes. Alle sollten es üben: jedes Volk, jeder einzelne Mensch. Wenn dieses Können dahinschwindet, kann es für immer verlorengehen. Das ist zum Beispiel in Europa geschehen. Da wurden alle diese Tänze vergessen. Sie sind in Europa unwiederbringlich verloren.

Tepeh
Darum komme ich ja zu dir, Hottotte.

Hottotte
Ja, aber für dich und deinesgleichen ist das jetzt exotisches Fremdgut. Bei den meisten von euch bleibt diese Kunst künstlich, also aufgesetzt. Du zahlst Geld für etwas, das bei uns mit der eigenen Identität zusammenhängt.

Gut. Du zahlst die Hälfte deines Vermögens, wenigstens das! Aber du hast keins, nicht wahr? So ist es mir immer ergangen. Meine Schüler waren alle mittellos.

 

KAPITEL 2

Die Tanzflächen

 

Tepeh
Heute wolltest du mich den Anfang lehren.

Hottotte
Ich habe dir schon alles gesagt.

Tepeh
Hier die Hälfte meines Vermögens: 578 Schweizer Franken.

Hottotte
Für diesen Lohn kann ich dir nicht einmal einen Viertel des Wissens erklären.

Tepeh
Einen Viertel! Und wie soll ich den Rest lernen?

Hottotte
Den Rest musst du allein lernen.

Tepeh
Was hast du davon, wenn du alles für dich behältst?

Hottotte
Es ist normal, dass Schüler mindestens die zweite Hälfte allein lernen. Tun sie es nicht, dann ist auch die erste Hälfte verlorene Mühe.

Tepeh
Also gut. Nun sag mir, wie ich beginnen soll.
Bei einem öffentlichen Tanzanlass wäre es klar. Da gibt es eine Bühne. Da gibt es den Feiertag. Da ist die Musik. Da sind die andern. Ich würde mitgerissen. Und jetzt? Ohne Musik, ohne Fest?

Hottotte
Wenn du allein bist, musst du den Anlass selber schaffen. Du kannst es auf verschiedene Art und Weise tun. So kannst du dir die Musik vorstellen, den Rhythmus. Oder du kannst dir auch das vorstellen, was es bewirkt. Vielleicht kann du auf die Vorstellung von Trommeln und Musik verzichten. Dann stell dir statt dessen vor, dass du auf eine Tanzfläche auftrittst.

Eine virtuelle, eine geistige, eine unsichtbare Tanzfläche. Es braucht keine Musik. Aber es braucht den Auftritt hier und jetzt.

Tepeh
Soll ich den gegenwärtigen Moment zum Anlass machen?

Hottotte
Es gibt keinen anderen als den gegenwärtigen.

Tepeh
Aber nicht in jedem Moment bin ich bereit.

Hottotte
Du wirst zuerst deine Seele suchen müssen. Sie ist manchmal nicht gegenwärtig. Du musst sie anziehen.

Hast du sie und bist du wieder aus einem Stück, dann tritt auf!

Tepeh
Wie?

Hottotte
Wenn eine Bewegung tief aus dir selbst heraus kommt, kann es schon der Auftritt sein. Die Bewegung ist wie eine Auflösung. Deine Form löst sich in Luft auf... gewissermassen. Damit erreichst du eine Befreiung, eine Ablösung, Herauslösung. Dabei gehst du sozusagen ein wenig hinaus aus dir, ein wenig gegen oben. Eine Tanzfläche ist eine hilfreiche Vorstellung für diese Verwandlung. Eine Tanzfläche ist ein Ort der Verwandlung.

Um das alles in einem Moment auszulösen, kannst du dir eine Geste, eine Körperbewegung, einen kleinen Ritus angewöhnen. Du musst eine Art haben beim Auftreten, wie es Charakterdarsteller haben, wenn sie die Bühne treten. Du musst schon als der andere dort ankommen.

"Ich bin ganz der. Jetzt bin ich da. Mit dieser Geste bin ich da. Mit diesem Atemzug bin ich gegenwärtig."

Ja, ein Atemzug genügt schon. Wenn du ihn kannst. Mit einem Atemzug, einem einzigen kannst du dich gelöst haben und dort sein.

Das Auftreten auf einer Tanzfläche ist etwas sehr Eigenes. Aber es geht gleichzeitig um eine Lösung vom Ich. Es geht um eine Entäusserung. Aber das Auftreten erfolgt leicht. Du kannst alles auf die leichte Schulter nehmen. Alles ist leicht. Unsere Tanzkunst ist nur ein Spiel. Alles dient der Befreiung. Du musst nur den Moment, den du erlebst, als "den Tanz" deklarieren. Den nächsten auch, und so weiter. Das ist schon alles.

In unserem Volk wird gelehrt, dass Leben nicht nur auf der Erde stattfindet, sondern auch im Himmel. Das Geschehen im Himmel findet gleichzeitig statt. Was auf der Erde geschieht, ist nur der sichtbare Teil eines Gesamtgeschehens. Nun kann aber der Mensch abfallen von Gott, wie er bei euch heisst. Der Mensch kann sich verhärten. Dadurch wird gehemmt, was sich im Himmel vorbereitet. Dann findet es in diesem Leben eben nicht statt. Dieses Leben bleibt dann vielleicht unerfüllt.

Weil der Mensch selbst über kosmische Kräfte verfügt, kann er sich auch gegen diese kosmischen Kräfte stellen. In meinem Volk wurde dies als eine Verfehlung des Sinns bezeichnet. Das ist der Grund, weshalb wir die Tanzkunst gepflegt haben. Wir übten den Tanz, um eins zu werden und um Frieden und Harmonie zu finden. Wir wollten gleich sein wie der Himmel. Wir wollten Kinder Gottes sein.

Bevor wir auf eine Tanzfläche traten, hielten wir uns still, um besser zu hören. Wenn wir leer wurden, fürchteten wir nicht, etwas zu verlieren. Wach, erwartend, neugierig traten wir auf wie Kinder. Und dann bewegten wir uns im Tanz. Wir hielten uns dabei an das Nichts -- das innere Nichts, das wir liebten – und von dem wir glaubten, dass darin eine grosse Zauberkraft liege.

Tepeh
Eine Tanzfläche ist eigentlich das gewöhnliche Leben.

Hottotte
Eine Tanzfläche ist das Leben, aber nicht das gewöhnliche. Es braucht schon ein wenig Übung, um das Leben, das man hat, als einen Tanz von kosmischen oder göttlichen Kräften zu sehen.

Tepeh
Es braucht den Willen, es zu tun.

Hottotte
Ein wenig Willen braucht es. Aber so ein Wille kommt aus einem tiefen Wunsch, aus einer Sehnsucht heraus.

Diese Art von Sehnsucht ist die Kraft in uns, die sich auf Wiederherstellung der ganzen Person richtet.

Tepeh
Die ganze Person?

Hottotte
Das ist es, was den Tanz macht. wir suchen. Wir Menschen sind bei diesem Tanz der Körper. Was wir suchen auf den Tanzflächen, ist der Geist des Tanzes. Die Tanzflächen enthalten den Geist in dieser oder jener Form.

Tepeh
Das heisst also: Wir müssen lernen, die wirklichen Sehnsüchte von uns auszugraben. Wir müssen Tanzflächen suchen und finden, um diesen Geist zu verwirklichen.

Hottotte
... um ihn zu sein. Das ist eine Entäusserung. Ein Austritt aus dem Körper. Der Auftritt auf der Tanzfläche ist ein Hinaustreten aus dieser Welt hier und ein Hineintreten in die andere Welt hinein. Es ist wie ein Schritt von hier nach da. Du trittst in einen neuen Kreis hinein.

Tanzflächen sind andere Welten, sind eine Erhebung. In diesem Sinn musst du dir einen Ruck geben. Mit Verlangen, mit Leidenschaft. Du musst dir einen Ruck geben und abstossen. So kannst du auf die Tanzfläche fliegen.

Was ist eine Tanzfläche?

Wörter wir "Feuer", "Brand" wären möglich. Eine Tanzfläche ist eine brennende Wirklichkeit …. Stell dir vor: einen Kreis, der ringsum von Flammen umschlossen ist. Ein heiliger, erregender und erschreckender Ort.

Ein Auftritt darauf ist ein wenig wie das Ende. Du musst dich geben, und du wirst genommen. In einem guten Tanz wirst du voll genommen.

Tepeh
Das erinnert an den Tod.

Hottotte
Ja, so ist es. Unsere Tänze sind auch Todestänze.

 

(Pause)

 

Stell dir einen Lichtkreis vor. Eine Arena. Alle, die das vor sich haben, verspüren eine grosse Anziehung. Und gleichzeitig geht es um eine Preisgabe.

Tepeh
Wenn er die Kontrolle verliert, fürchtet sich der Mensch.

Hottotte
Ja, aber hier ist auch die grösste Freude verborgen, die es gibt: Sie liegt im Hervorrufen des Eigenen.

 

(Pause)

Eine Tanzfläche ist über das Herz zu finden. So wie es verschiedene Herzgefühle gibt, gibt es verschiedene Tanzflächen.

Stimm dich so ein, als ob du einschlafen wolltest, als ob du schon im Traum wärst!

Tepeh
Also ist der Auftritt nicht willkürlich?

Hottotte
Eher so wie im Traum. Du gehst deinen Wünschen nach. Ein wenig willentlich, gleichzeitig auch angezogen und verlockt. Der Mensch ist auf die Erfüllung seiner Sehnsüchte gerichtet. Jetzt ziehen diese dich hinaus.

Tepeh
Und dann? Was ist dabei die Erfüllung?

Hottotte
Der geeinte Zustand. Auf einmal wirst du seltsam eins, innerlich geordnet. Der Auftritt auf der Tanzfläche, welcher anfänglich vielleicht ekstatisch war, ist jetzt zum Sehen geworden. Das hat nichts mehr mit Ekstase zu tun. Ekstase ist ein psychischer Zustand. Wir suchen das nicht mehr. Wir wollen sehen. Wir wollen im Licht der Wirklichkeit sein.

Du siehst also dein Leben, vielleicht auch anderes Leben.
Das genügt. Das ist genug für den Anfang. Wir lehren nichts darüber hinaus.

Und in diesem Zustand wirst du bewegt. Du bewegst dich vielleicht selbst. Aber du weißt auch: Du wirst bewegt. Es bewegt dich. Du merkst vielleicht, dass du über deinem Körper bist. Nun bist du auf der Tanzfläche. Kannst du dich sehen?

Tepeh
Ich erhebe das Herz und lasse mit mir geschehen, was von selbst kommt.

Hottotte
Wir lehren: Nur durch Bewegungen kannst du eins werden. Stillstehen kann ein Mensch nicht. Keiner kann es. Tanzen ist der Grundgedanke. Die ganze Welt tanzt. Alles tanzt. Wir können die Welt nicht anhalten. Sie bewegt uns. Daher machen wir unsere Bewegungen. „Sehen“ wir das, dann vermögen wir unser Leben in einem höheren Licht zu sehen.

(Pause)

Hottotte
Die Tänze unseres Volkes wurden ursprünglich nur mit Perkussion getanzt. Es gab nur Rhythmus. Später, als wir dazu gelernt hatten, konnten wir auf die Erzeugung von Geräuschen verzichten. Da horchten wir auf das Schlagen des Herzens. Oder wir suchten das Schlagen der Trommel vorzustellen. Das ist ganz einfach.

Der Rhythmus ist wie ein Puls. Die Trommeln sollten ursprünglich wohl die Seelen einfangen und lenken. Darüber hinaus symbolisiert jede regelmässige Wiederholung die Kontinuität der Schöpfung und ihre Erschaffung jetzt, jetzt, von Moment zu Moment.

Als wir dazu gelernt hatten, erkannten wir, dass wir von Trommeln und Rhythmen nicht abhängig waren.

(Pause)

Tepeh
Welche Bewegungen sind die besten, um das Sehen zu erreichen?

Hottotte
Jede Bewegung ist passend. Alles gehört dazu. Einige der Bewegungen sind durch das alte Bewusstsein gewählt, andere nicht. Herzschlag, Atem, Verdauung usw. haben wir nicht bewusst gewählt. Aber das bewegt sich doch. Auch solche unbewusste Vorgänge kommen auf die Ebene einer Tanzfläche. Mit körperlichen Bewegungen ist es einfach.

Schwieriger ist es, wenn du dein eigenes Denken betrachtest. Kann man das eigene Denken, Fühlen, Trachten in den Tanz einbeziehen? Selbstverständlich. Auch das Denken ist bewegtes Leben, ist ein Tanz von kosmischen Kräften.

Tepeh
Woher kommen die Bewegungen?

Hottotte
Dieses Rätsel zu beantworten, ist der Sinn des Tanzes. Wir erproben es. Das heisst: Wir probieren es aus. Woher kommt es?

Wir können leicht den Körper bewegen. Wir wissen aber nicht, wie es geschieht. Wir bewegen Arme und Beine. Es wird auch das Herz bewegt, das Bewusstsein, die Seele. Auch hier wissen wir nicht, wie es geschieht. Aber es geschieht. Wir sind teils selbst die Beweger, teils die Empfänger von etwas.

 

(Pause)

Das ist alles, was ich zu lehren weiss. Wir haben mehr Rätsel als Antworten, das ist klar. Aber wir haben die Rätsel so ziemlich auf einen Punkt vereint. Das ist der Sinn unseres Tanzens.

Tepeh
Alle diese Rätsel zu beantworten, wäre der Sinn des Tanzes...?

Hottotte
Nein: Mit dem einen Rätsel zusammen zu tanzen oder angesichts des einen grossen Rätsels zu tanzen, das ist der Sinn des Tanzens.

Wir haben nie versucht, das Rätsel dieser Welt auf unseren niedrigen Lebensbereich herunter zu ziehen. Es wäre nutzlos, es zu versuchen.

Uns geht es darum zu tanzen. Damit finden wir Einheit. Wir bewegen uns, wir spüren die Ursache dabei. Ist das nicht genügend?

Falls andere Leute noch viel mehr wissen und Antworten wissen, die mit der Wahrheit zu tun haben, soll es mir recht sein.

 

Tepeh
Eine Frage noch:
Bin ich selbst der Schöpfer meiner Bewegungen? Oder bin ich nur der Ausführende? Ich möchte wissen, ob wir Menschen das Wort sind, wie es in der Bibel heisst, oder nur der Widerhall.

Hottotte
Beides. Der Kosmos oder der Schöpfer mit seinen Kräften wollte unser Leben und will es noch immer. In uns ist das Wort und auch sein Widerhall. Wir sind beides. Daher sind wir auch Schöpfer oder Beweger des Weltalls.

Als Tanzende finden wir die Harmonie. Wir finden die Harmonie zwischen dem, welches tanzt und dem, welches nicht tanzt. Es geht um die Harmonie oder Gleichzeitigkeit dessen, was in Bewegung ist und dessen, was die Bewegung veranlasst.

Daher üben wir das Tanzen. Bei der Vollendung des Tanzes haben wir unsere Existenz der Ursache dieser Existenz zurückgegeben. Wir haben unser Bewusstsein in das Bewusstsein jenes Wesens zurückgegeben.

(Pause)

Tepeh
Es handelt sich hier um eure Religion.

Hottotte
Das Tanzen ist unsere religiöse Übung. Unser Tanzen soll aber bis ins gewöhnliche Leben hinein gehen.

Das heisst, dass es in unserer Religion kein Problem damit gibt, normal zu leben: Wir können leben. Wir können ein normales Leben mitmachen. Aber wir wissen, dass ein Leben nur abgerundet ist, wenn es vom Geist her erkannt ist.

Und was heisst das? Es gibt nur einen einzigen Tänzer, und das ist genau genommen das, was ihr Gott nennt. Wir erfahren unser Leben als einen Tanz Gottes.

Und so ist unser Tanzen eine frohe Sache. Es ist ein Vergnügen. Wir tanzen zum Vergnügen: weil wir leben und indem wir leben.

Das Tanzen ist ein Genuss und eine Wohltat für die Seele. Dass wir aus dem Geist hervorgegangen sind, macht uns Freude. Falls wir es nicht den ganzen Tag über fertigbringen, bei uns selbst zu sein, so üben wir den Tanz, um heimzukehren. Die Heimat jedenfalls ist stets bekannt. Und das Tanzen führt uns in die Heimat zurück.

Tepeh

Seid ihr der Christianisierung entgangen?

Hottotte

Wir hielten unser Denken vor den Christen verborgen. Aber da wir uns immer schon für Kinder des Absoluten gehalten hatten, konnten wir die Lehre der Christen gewissermassen wie eine Untermalung unserer Religion hinnehmen. In Jesus sahen wir nicht einen Feind, sondern eher einen Angehörigen unseres Stammes.

Tepeh
Die Abstraktheit eurer Auffassungen hat euch vor dem Christentum gerettet.

Hottotte
Ganz so leicht war es auch nicht. Des Christentums wegen sind wir so abstrakt geworden. Auch bei uns gab es allerlei Klimbim. Daher mussten wir uns anpassen. Das war unsere Art und Weise, in die Verborgenheit abzutauchen. Die Götter von uns, die weniger abstrakt waren, haben wir dem Christentum geopfert.  Jesus haben wir als Götzen anstelle aller anderen gestellt. Äusserlich sind wir Christen geworden, innerlich sind wir uns treu geblieben.

 

KAPITEL 3

Tepeh
Könntest du mir einige eurer Schritte und Gesten vorführen?

Hottotte (zum Spass führt der alte Mann verschiedene Bewegungen mit dem Körper aus: Schritte vor und zurück, Bewegungen der Arme auf und ab, Drehungen des Körpers, Gesten mit den Händen, sammelnd, schaufeld, greifend, schenkend, bannend, bergend, dann hopp: ein Sprung.)
Sagt dir das etwas?

Tepeh (wiegt den Kopf)

… Sagst du mir jetzt etwas über deine Vergangenheit, Häuptling?

 

Hottotte

Ich habe jahrelang eure Philosophie studiert und zwar auf Deutsch! Kluge Leute haben bei dieser Wissenschaft mitgewirkt, das muss ich schon sagen. Aber seltsamerweise wird im Fach Philosophie gerade das ausgeklammert, welches dem Fach den Namen gegeben hat, nämlich die Liebe zur Weisheit.

Weisheit ist nicht gefragt. Das ist schon seltsam. Warum wird bei dieser Wissenschaft das Wesentliche – das Eine und das Ganze – ausgeklammert?

Mein Volk hat nie den Weg der inneren Erfahrung verlassen. Bei uns wurde das Religiöse und das Intellektuelle nie getrennt. Das heisst: Wir wurden nie Intellektuelle. Wir sind noch bis vor kurzem ein primitives Volk geblieben. Aber ich kann dir versichern, dass wir auf eine bessere Art primitiv waren, als ihr es jetzt seid!

Tepeh
In Europa hat man daran gezweifelt, dass es etwas Höheres überhaupt gibt. Man suchte stets nach Beweisen für dessen Existenz und fand keine.

Hottotte
Es ist dumm, auf das Experiment zu verzichten und so zu tun, als könnte man das Höhere nicht wahrnehmen. Es ist unehrlich und auch unethisch. Beweise für die höhere Wirklichkeit kann man nicht aus der höheren Wirklichkeit herausreissen und auf eine niedrigere Ebene herunterziehen.

Wir betrachteten die Welt wie ein zu grosses Kleid. Man muss erst hineinwachsen. Wir verehrten das, was ist. Wir suchten gleich zu sein mit dem, was ist. Wir versuchten, uns mit dem Willen des Schöpfers zu verbinden.

Die Welt ist eine Aufgabe. Die Realität ist eine Aufgabe. Die Aufgabe besteht darin, sie zu verstehen, sie auszufüllen, mit ihr eins zu sein und im Leben mit ihr gleich zu sein. Wir müssen das praktizieren und uns darin üben, daher sprechen wir hier von unseren spirituellen Tänzen.

Man kann nicht Mensch sein nur durch den Körper. Mensch ist man bei uns erst, wenn man die Quelle gefunden hat. Ohne die Vereinigung mit der Quelle ist man nicht Mensch. Dann ist man nur in einem Vorstadium von Mensch. Man ist heranwachsend.

In diesem Sinn ist mein Volk ein primitives Volk geblieben, unmittelbar und direkt.  Du weisst, dass ich als Akademiker grosse Worte machen kann. Mein Volk dagegen ist schlicht.

Und für all das gab es bei uns nie einen äusseren Zwang. Wir zwingen unsere Kinder nicht zu diesen Übungen. Wir erzählen ihnen nur von der Lebensaufgabe, ein Mensch zu werden. In meinem Stamm sagte man, dass die Welt von einem MENSCHEN ausgeht und dass man daher wieder zu DIESEM Menschen werden muss.

Was im Zentrum dieser Welt steht, ist ein MENSCH wie wir. Das ist der Grund, warum wir verstehen können. Das ist der Grund, warum wir Mensch werden können. Die Welt geht von einem ICH aus... von einem Wesen, das sich spürt als "ich".

Bei uns ist die Welt geistig, und wir bewegen uns auf das Geistige hin. Die Übung des Tanzens dient der Wiedervereinigung.

(Pause)

 

Tepeh

Was ist das „Sehen“?

Hottotte

Es ist Erschaffung. Die Welt wird in jedem Moment erschaffen. Wenn auch Dinge gleichsam „materiell“ erscheinen mögen: Dahinter steckt nichts Totes.

Wir tanzen nicht mit etwas Totem, sondern mit etwas Lebendigem. Wir üben den Tanz, damit uns eine Kraft ergreift, die unser Leben ist und unser Antrieb ist. Wir üben den Tanz wegen der Wiedervereinigung und der Hingabe.

Auf der anderen Seite ist das „Sehen“. Es ist das „andere“ Wesen. Es erschafft, wirkt, bewegt. Es „sieht“, was es macht und was es bewegt während des Tanzens. Es ist nicht menschlich und es ist nicht verständlich. Aber es ist wahr. Und der Tanz bedeutet Vereinigung damit.

Tepeh

Führt das zu übermenschlichen Fähigkeiten?

 

Hottotte

Nein. Die übermenschlichen Fähigkeiten bleiben da, wo sie sind: über dem Menschen.  In unserem Volk werden die Tänze geübt, um die Übereinstimmung zu finden. Der Wert davon liegt im Gefühl des Einsseins. Das kann heilsam sein und heilend wirken. Einige magische Wirkungen können vorkommen, aber sie sind nicht von Bedeutung.

 

Tepeh

Also gibt es gar nichts von Zauber bei euch?

 

Hottotte

Es leuchtet ein Glanz (von oben) auf allen Geschöpfen, vor allem auf ihrem Inneren: auf ihrem Empfinden, ihrem Selbstgefühl. Ein Glanz liegt auf dem Bewusstsein. Wenn ein Mensch sich der Tatsache inne wird, dass er bewusst ist, wird er auch verstehen, dass ein Glanz auf seinem Bewusstsein liegt. (Aber dann hat er sich bereits mit dem Licht vereinigt, welches in ihm glänzt.)

Insbesondere die Ichheit – diese Gewissheit, etwas zu sein – ist nie ohne den höheren Glanz. Im Erlebnis des "Ichseins" glänzt jenes Licht. Es glänzt auf dem abgestiegenen (begrenzten) Ich. Noch mehr glänzt es auf dem aufgestiegenen Ich, dem erkennenden Ich.

Im Ichsein, das die hohe Ebene erreicht hat und eingegangen ist in die höheren Ebenen der Verwirklichung – unsere Tanzflächen und die Vereinigung darauf – ist das Leuchten schon bald einzig: Es gibt da bald nur noch das einzige wahre Leuchten.

Das ist der Zauber unserer Tänze!

 

Tepeh

Also ist der Zauber die geistige Verwandlung. Und ich dachte, dass ihr auch richtig zaubern könnt!

 

Kapitel 4

Hottotte

Du musst ein Beweger des Geistes sein

Sammle dich! Geh in dein Herz hinein. Mach dich rein. Sag: "ich" zu deinem Ich! Dann lass es weit werden und tritt nun so auf. Bist du der Tanzfläche, dann musst du dich bewegen. Mach etwas mit deinem Körper! Das ist der Tanz.

Wenn du im Tanz bist, bist du der Beweger des Höchsten. Du bewegst das Absolute. Denn alles ist eins. Was immer du tust: Du bewegst das Absolute. Das Absolute macht den Tanz. Man kann sagen: Es ist Gott, welcher in deiner Form tanzt. Was sollte er sonst tun, da du ja lebst und dich bewegst?

Du meinst, dass du dich bewegst. Es kann auch sein, dass du bemerkst, dass du bewegt wirst.

Tepeh
Ich werde es versuchen.

Hottotte
Der Geist macht jede Bewegung mit. Er kann nicht anders, denn die Welt ist ein einziges Stück. So können die Bewegungen, die ein Mensch mit den Händen, den Füssen oder der Seele macht, zu mystischen Bewegungen werden. Die Bewegungen lehren uns, die eigene Quelle zu finden.

DAS KLEINE UND DAS GROSSE

Unser Leben hier auf der Erde entspricht der Empfindlichkeit des wirklichen Wesens. Wir haben Lichtempfindlichkeit, Schmerzempfindlichkeit, Geruchssinn, Herzgefühl. Diese Empfindlichkeiten sind Eigenschaften des wirklichen Wesens.

Alle Sinnesfunktionen, alle Körperfunktionen sind ausgestrahlte Kräfte. Auch das Denken ist eine ausgestrahlte Fähigkeit. ... Dadurch entsteht das Ich, das wir kennen. Und das Ich, das anders ist, steht dahinter.

Mit solchen Erfahrungen haben wir in unserem Volk den Frieden gefunden. Wir haben darüber hinaus nichts gefragt.

 

Kapitel 5

Tanzen und Alltag

Hottotte
Unsere Tanzkunst ist für den Alltag gedacht. Fürs Leben. Unsere Tanzkunst ist geeignet, im Alltag über den Dingen zu stehen.

Wenn du in deinem Leben die Vereinigung findest und dich sehen kannst als „Tänzer“, dann lebst du einfach, wie du musst. Warum solltest du ein anderer Mensch sein als du selbst?

Du stellst dich selber dar. Du lässt dich selbst entstehen. So bewegst du dich. Tanzen bedeutet, aus der Quelle heraus leben. Was sonst? Es muss den ganzen Tag über geschehen.

Teils sind wir selbst die Beweger des Geistes, teils empfangen wir die Impulse. Welche Impulse? Was kommt da zu uns, was wird uns eingegeben? Es ist sehr vielfältig.

Tepeh

Beim Tanzen kann man auch stürzen.

 

Hottotte

Tatsächlich. Man kann auch aus dem Takt fallen.

Das Leben ist ein Tanz, so oder so. Aber, wenn wir wie kopflos und sinnlos leben, ist es weniger gut, als wenn wir uns sammeln. Das Erlernen des Tanzen ist dazu da, eine bestehende Verwirrung aufzulösen.  Das Ziel ist Harmonie in der Bewegung.

 

Tepeh
Du hast gesagt:

Eine Tanzfläche muss in einem Moment betreten werden. In jedem Moment?

Hottotte
Jetzt und in jedem anderen Moment. Sobald wir einen Moment auf seine wahre Substanz hin durchdrungen haben, stehen wir auf der Tanzfläche. Eine Tanzfläche ist also immer ein Moment: der von jetzt.

Tepeh
Ein Moment ist für mich eigentlich gar nichts. Das ist wie Null und Nichts.

Hottotte
Er ist nicht Null. Er hat die Zahl 1. Der Moment ist ein Ja.

In unserer Lehre ist der gegenwärtige Moment wie ein Tor. Er ist zu ergreifen. Zerstreuung ist in einem Moment nicht existent. Sie ist weg.  In einem Moment ist nicht nichts; in einem Moment ist alles, einfach alles. Die ganze Weltgeschichte und die ganze Weltzukunft.

Der gegenwärtige Moment ist der Punkt, durch den wir hindurchdringen, wenn der Tanz beginnt. Wir gehen durch den gegenwärtigen Moment hindurch und treten auf. Rechts ist nichts, links ist nichts, in der Mitte ist alles.

Tepeh
Eure Religion beruht auf etwas Gegenstandslosem. Was ihr macht, ist ein Kult des gegenwärtigen Augenblicks.

Hottotte
Das stimmt. Durch unsere Bewegungen im Tanz kommen wir dem einen Punkt näher. Wir finden die Quelle, und wir finden die Harmonie der Kräfte, aber wir bleiben körperlich begrenzte Wesen. Das ist die Doppelseitigkeit des Tanzens, welche ich dir seit Wochen zu erklären versuche.

Aber etwas muss ich noch erklären:

In der Sprache meines Volks gibt es die Wörter "Augenblick", oder "Moment" nicht. Früher kam es uns nie in den Sinn, das Gegenwärtige als statisch oder ruhend aufzufassen, so wie ihr das oft macht. Alles bewegt sich, und in jeder Gegenwart ist eine unmittelbar bevorstehende Bewegung zu erkennen. Keineswegs ist in der Gegenwart ein Stillstehen! Im Moment ist eine gegenwärtige Bewegung. Und wir achten darauf, dass wir gerade eine ausführen. "Der Moment von jetzt" wird in meinem Volk verstanden wie: handeln, verwirklichen, tun. Es gibt da kein Zögern, verstehst du? Es darf nichts dazwischen kommen. Keine Überlegung, auch keine Absicht.

 

(Pause)

Alles geht blitzschnell. Du entscheidest dich blitzschnell. Du reinigst dich blitzschnell, indem du alles loslässt. Du lässt alles stehen! In einem einzigen Akt lässt du alles sein. So trittst du in die Mitte einer Tanzfläche!

 

Tepeh
Ist der tanzende Mensch dabei ohne Bewusstsein?

Hottotte
Nein, was wir Tanzfläche nennen, ist ein subtiles Bewusstsein. Ein gehobenes Bewusstsein. Aber je höher ein Bewusstsein ist, desto weniger kann man erklären, was darin enthalten ist.

(Pause)

Hottotte
Wenn der Mensch den MOMENT bestiegen hat, reitet er auf den kosmischen Kräften wie ein Wellenreiter.
Wer im Moment ist, überlegt sich nichts. So findet der Mensch die Harmonie zwischen sich und dem Schöpfer. Das ist der Sinn des Tanzens. Wo liegt wohl das Wesen der Dinge verborgen? Eine Spanne vor dem Herzen, einige Spannen weit über dem Kopf?

(Pause)

 

Tepeh

Wozu leben wir?

Hottotte

Wir sind dazu da, die Leere zu erfüllen. Ich bin hier, um beizutragen, dass die Welt eine Gestalt hat, genauso wie du. Und so habe ich als Mensch eine Gestalt. So erfüllen wir Menschen alle eine Aufgabe und füllen die Leere durch uns. Alle Dinge sind dazu da, damit etwas ist und damit genau das ist, was da ist.

Tepeh

Und was ist der Sinn davon?

Hottotte

In unserem Volk fragt man das nicht. Wir wollen Mitfliessen mit dem Moment. Das ist alles. Es gibt nichts Anderes.


Nach unserer Lehre machst du einen Tanz mit dem Absoluten. Ist die Beziehung da, dann machst du jede deiner Bewegungen bewusst und kannst dich in diesem Bewusstsein bewegen.
Wir sind im Tanz also zweiseitig. Wir sind innen und aussen. Wir sind auf zweiseitige Art eins. Wir sind „sowohl als auch“. Wir sind Dieses und Das.

Tepeh
Was denkt ihr über Moses und Aaron, die die ganze Herrlichkeit des Herrn schauten?

Hottotte
In unserem Volk gab es keine Figuren wie Moses, Jesus oder Mohammed. Aber dass Gott, das Absolute, in einem Menschen sprechen kann, ist für uns nicht aussergewöhnlich.

 

KAPITEL 6

Vom Umgang mit den Kräften

Tepeh
Sind eure Tänze vergleichbar mit Tai Chi?

Hottotte
Darüber weiss ich zu wenig.

Bei uns dienen oft die Hände oder die Arme dazu, das Sein einzufangen. Mit den Händen stellen wir manchmal den Kontakt her. Wir verlagern auch das Gewicht auf den Beinen, Wir machen Schritte. Wir machen alles. Langsam und schnell. Es gibt keine Regeln.

Es gibt gute Tänzer und schlechte. Das sieht man beim Zuschauen.

Tepeh
Kannst du mir zeigen, wie du mit den Händen Kontakt herstellst?

Hottotte
Eine Hand seitlich über der Schulter wie eine Schale gegen oben zum Aufnehmen, die andere Hand mit gestrecktem Arm zeigt zur Erde zur Ableitung. Dann der Wechsel der Position.

Tepeh
Das scheint eine rechtsseitige und linksseitige Energieübung zu sein.

Hottotte
Ich sagte es ja. So kann man Kontakt aufnehmen. Oder auch anders. Am besten erfindest du deine Positionen selber!

Wichtig war bei uns der Geist, in dem getanzt wurde. Der Geist, die Gesinnung oder die Intention war entscheidend. Unsere Tänze haben sich aus dem Feiern von Festen heraus entwickelt. Es stand also ein festlicher Gedanke dahinter. Jeder Tanz sollte eine Feier sein. Eine Feier des Augenblicks. Eine Dankesfeier.

Tepeh
Ihr habt euch also nie für unwürdig gehalten, vor euer Höchstes zu treten?

Hottotte
Wir wurden würdig dadurch, dass wir es taten!

Tepeh
Dienten eure Tänze nicht anfänglich dazu, das Böse abzuwehren?

Hottotte
Selbstverständlich. Das ist auch heute der Fall. Du hast recht. Man muss zuerst das Böse abschütteln. Habe ich nicht schon erwähnt, dass es eine Reinigung braucht? Zu Beginn ist eine Entledigung von allem notwendig. Rechts und links ist alles weg, vorn und hinten geht alles weg. Dann ist der Weg offen.

Tepeh
Und es dient damit das Tanzen auch dazu, ein Gefühl von Trauer zu überwinden?

Hottotte

Ja, auch ein Gefühl von Versagen, von Scham.

Tepeh

Und was ist mit der Angst?  Mit Krankheit?

Hottotte
Nicht alle erreichen die Tanzfläche. Manchmal können wir helfen. Doch es kommt vor, dass einer nicht mehr hinkommt. Ich habe nie behauptet, dass es nur Erfolge gibt. Wenn du an sehr schwache kranke Menschen denkst, so kann gut sein, dass diese nur im Schlaf so etwas wie eine Tanzfläche erreichen.

Tepeh

Also im Traum. . Es gibt alles.

Hottotte

Andere finden erst nach ihrem Tod wieder da hin.

Tepeh
Wie steht es mit der Moral? Kann ein engstirniger grausamer, stolzer Mann den Tanz ausführen?

Hottotte
Wenn er es richtig macht, ist er dann nicht mehr engstirnig, grausam, stolz.

Aber es gibt Leute, die wirklich Mühe mit der Erhebung im Tanz haben. Das sind im besonders die Menschen, die gegen sich selbst sind. Das sind Menschen, die nicht in ihr Herz eingehen können aus diesem und jenem Grund. Wer eine Mördergrube hat , wo andere ein Herz haben, wird es nicht finden.

 

Tepeh

Gibt es Techniken für die Reinigung und die Entledigung?

Hottotte

Wenn du im jetzigen Moment nicht zu dir selber kommen kannst, musst du sinken. Es wurde bei uns die Kunst der Demut geübt. Das Fallenlassen. Das Aufgeben. Die Hingabe. Die Ergebung.

Manchmal führt das Sinkenlassen des Willens in die Gegenwart hinein. Ein verhärteter Mensch ist ein Mensch, der nicht anerkennen kann, dass er machtlos ist. In gewisser Hinsicht müssen wir weich werden, wenn wir die Harmonie mit den kosmischen Kräften finden wollen.

Natürlich gibt es bei uns die Trauer, das Gefühl von Versagen, das Gefühl von Verletztheit oder sogar von Schuld. Jeder Mensch kann das Gefühl von Nutzlosigkeit und Vergeblichkeit empfinden.

Tepeh
Was macht ihr, wenn es euch seelisch ganz schlecht geht?

Hottotte
Wenn es uns ganz schlecht geht, suchen wir einen Schamanen auf, gehen auf tagelange Wanderungen oder lassen uns in einen tiefen Schlaf versetzen. Oder wir pflanzen einen Baum.

Wenn es uns nur normal-schlecht geht, gehen wir auf eine Tanzfläche versuchen, hinaus zu fliegen aus den Begrenzungen. Weiss du, im Kosmos gibt es nie nur eine Sache, es gibt in einer Ecke immer auch etwas Anderes. Nie gibt es nur Schlechtes.

Tepeh
Und im Tanz wird das Schlechte abgeschüttelt? Und jenes höhere Wesen übernimmt sozusagen deine gesamte Existenz?

Hottotte
Es ist so. Es ist nie anders.

Tepeh
Ganz ohne Eigenwillen zu sein, ganz nur hingegeben, ist kaum noch verständlich für uns Europäer.

Hottotte
Weil ihr eure Religion verloren habt. Einem Christen habe ich geraten, die bekannte Formel: "Dein Wille geschehe, und es komme Dein Reich!" endlich genau zu nehmen.

Aber er wusste natürlich überhaupt nicht, dass „das Reich Gottes“ bedeutet. Das Reich Gottes ist die grösste Tanzfläche mit allen Menschen drauf. (lacht)

(Pause)

Meine Vorfahren haben viel mit dem Absinken experimentiert. Ich habe gehört, dass da immer einige waren, die einen leeren Blick hatten, und von denen man sagte, dass sie weit fort seien. Sie sassen dabei teils wie Yogis auf dem Fussboden, andere aber auch bequem unter einem schattenspendenden Baum. Ich glaube, diese Leute übten sich, ohne Wahrnehmung zu sein.

Vielleicht lebten sie nur noch im Herz.
Sie liessen sich den Verstand rauben.

Tepeh

So etwas gibt es heutzutage kaum noch. Heute hat man kein Inneres mehr, welches leer ist. Immer ist etwas von der Aussenwelt präsent. Alle werden gejagt. Sie meinen, sie müssten so sein. Und sie bringen es nicht weg.

Hottotte
Auch du bist gekommen, um dir den Verstand rauben zu lassen. Dann fang endlich an damit!

 

 

KAPITEL 7

Hinaus !

Tepeh
Oft kommt mir auch das hier nutzlos vor.

Hottotte
Hast du Zweifel an dir, an mir, an allem?

Tepeh
Ja.

Hottotte
Du musst nicht bei mir bleiben! Du bist frei! Du bist fähig, allein zu suchen und zu finden. Und falls du nichts suchen und nichts finden willst, ist es mir auch recht.

Tepeh
Ich weiss wirklich nicht recht, wo ich hingehöre. Ich bin in einem vermischten Zustand.

Hottotte
Du musst hinaus aus dir! Hinaus in einem einzigen Akt...und sofort alles hinter dir lassen. Tu’s!

Alle unsere Lehren kennen (genaugenommen) kein Vorher und Nachher und nicht ein Fortschreiten von Hier nach Dahin. Alles ist nur in einem Moment wahr, in dem einen Moment, den man ergreift.

Auffliegen

In unserem Volk wurde das Abstossen geübt.
Sobald du dich auf eine Tanzfläche stehen fühlst, bist du leicht. Dein Geist ist leicht. Auf der Tanzfläche bist du fast nur noch Geist. Wenn du noch in der Tiefe festhängst, kannst du jetzt abstossen, um aus dem Körper hinauszuschweben und aufwärts zu schweben.

Du musst alles, was du von mir vernommen hast und was du sonst weisst, in einem einzigen Akt verwirklichen. Dann mach den Sprung! Meine Leute hatten nicht den geringsten Zweifel daran, dass das "Hinausschweben" eine vollkommen normale Fähigkeit ist.

Tepeh
Ich habe dieses Tanzen schon so erlebt, als ob ich die Herrschaft verlieren würde. Als ob mir alles aus den Händen gleiten würde.

Hottotte

 Der "Tanz der kosmischen Kräfte" ist etwas völlig Normales. Du musst dich nicht wichtig machen dabei.

Unser Tanzen ist eine Verwandlung. Einige gehen weit fort, nicht nur eine Spanne weit. Aber es muss nicht so sein. Bei uns gilt es als genügend, wenn ein Mensch einige Fingerbreit vor dem Körper ist. Das heisst: vor dem Herz.

Es ist in diesem Fällen so, als ob das Herz sich selbst bewegen würde gegen aussen oder gegen oben. Aber fixier dich nicht darauf!

Die Orte, an denen unser Tanz beginnt, sind Orte der Verwandlung. Sei froh, dass es das gibt!

Der Ort kann auch „Nirgendwo“ heissen.

Tepeh
In eurem Volk – diesem Naturvolk – hat man nie eine äussere Entwicklung gesucht, nie technischen und sozialen Fortschritt, nur immer innere Entwicklung, Einordnung in den Kosmos, Einklang, Harmonie. Ist das nicht der Grund dafür, dass ihr stets auf primitiver Stufe stehen geblieben seid?

Hottotte
Vielleicht. Aber inzwischen sind wir umgekehrt eure Lehrmeister geworden für eure Seelen, die ihr vernachlässigt habt.



Autor  :  Thomas Dunn               www.dunn.ch

                             

vor 1999, rev. 25. Jan 2011