Begegnung mit
dem Schöpfer selbst führen kann, begegnet der Verstorbene im Tibetischen
Totenbuch stets
sich selbst.
Alle Götter und Dämonen sind aus seinem eigenen Bewusstsein geformt. „Jetzt“,
liest der
Priester dem
soeben Verschiedenen vor, „erfährst du den strahlenden Glanz des klaren Lichts,
der reinen
Wirklichkeit.
Erkenne es, Hochgeborener. Das, was du jetzt wahrnimmst, und was in der Realität
des
Diesseits leer,
form- und farblos erscheint, ist die wahre Wirklichkeit." Und dann erfährt die
Seele zu ihrer
großen
Überraschung, dass dieser strahlende Glanz, dieser höchste Intellekt
-uneingeschränkt, blendend,
erregend - eins
sei mit ihrem eigenen Bewusstsein. Eine Erkenntnis, die sich mit den Erfahrungen
heutiger
Sterbender
ebenso deckt wie mit den Lehren unserer Tiefenpsychologie.
Sehr schön ist
die alte jüdische Lehre von den himmlischen Palästen, in die der Gott suchende
Mensch schon
lebendigen
Leibes eintritt. Er durchbricht die Grenze von Zeit und Raum, Leben und Tod,
erscheint im
Diesseits und
Jenseits zugleich. Und dies ist die Botschaft, die alle großen Religionen
verkünden, die
Propheten, die
Visionäre und Weisen: in Wahrheit gibt es keinen Unterschied zwischen Leben und
Tod!
Beides sind
wechselnde Zustände unseres Bewusstseins, die seine Identität nicht versehren.
Auch Tag und
Nacht sind ja
wechselnde Zustände derselben Erde. Wir lieben ihre Dunkelheit, und wir lieben
ihr Licht.
Aber eins ohne
das andere würden wir kaum ertragen. Erst zusammen sind sie vollkommen und eins.
So
ähnlich mag es
sich auch mit Tod und Leben verhalten, und vielleicht ist das Leben die Nacht?
Viele alte
Texte schildern
den Tod als Erwachen im Morgenlicht nach einem unruhigen, von bösen Träumen
gequälten
Schlaf.
Und nun will ich
nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, das Unbeschreibliche zu beschreiben,
das
Sie auf der
Schwelle des Todes erwartet:
Zuerst wird die
Seele oder das Bewusstsein sich von Ihrem Körper lösen, und hier stocken wir
schon. Denn
wer oder was ist
die Seele? Viele Leute glauben, dass sie überhaupt keine haben. Aber wie sehr
man
zuweilen auch
geneigt ist, ihnen recht zu geben, es stimmt nicht. Wir haben oder vielmehr sind
alle Seelen!
Und der Körper,
sagt der berühmte Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, ist nur
die Form,
in der eine
Seele der andern erscheint. Nach der neuesten wissenschaftlichen Forschung in
Ost und West,
deren Resultate
sich genau mit den ältesten okkulten und religiösen Erkenntnissen decken, sind
wir
eigentlich so
etwas Ähnliches wie ein elektromagnetisches Feld. Genauer gesagt, ein
psychisches Feld von
einer sehr hohen
und geheimnisvollen Energie, das unablässig einen Strom von Materie in sich
hineinzieht
und die Atome zu
dem, was wir unseren Körper nennen, organisiert. Menschen sind ineinander
verwobene
und gar nicht so
deutlich abgrenzbare Kraftfelder, deren Ströme sich in beständigem Wechsel und
Fluss
befinden. Die
Russen sprechen von Bio-Energie, die Europäer und Amerikaner von Psi-Energie,
und
gemeint ist
unsere gute alte Seele: ein immaterielles, vibrierendes, luminiszierendes
Feld.
Ich weiß, für
den Nichtphysiker klingt das reichlich kompliziert. Darf ich es vereinfachen?
Also, die Seele
ist kein Vogel
im Gefängnis des Leibs, sondern sie erschafft, durchdringt und umhüllt ihn wie
eine Wolke,
in der sich
beständig Gewitter entladen. Eine Wolke, die von anderen Wolken durchzogen wird
und ihre
Form, wie wir es
am Himmel beobachten können, immer wieder verändert. Das heißt, dass wir die
Fähigkeit
haben, uns zu
verwandeln, und dass wir mit allen Wesen und Dingen dieser Welt lebendig
verbunden sind.
Nicht die Haut
ist die Grenze des Menschen, denn er hat keine. Dehnt sich, wie im Märchen vom
Geist in
der Flasche, ins
Unendliche aus. Ins Unendliche vielleicht erst im Tod, wenn der Geist sich aus
der Materie,
die er selbst
erschuf, zurückzieht. Warum? Ich weiß es nicht. Es mag zwischen Leben und Tod
einen
Rhythmus geben
wie zwischen Tag und Nacht oder Ebbe und Flut. Einen Rhythmus, dem wir uns
getrost
überlassen
sollten.
Und nun? Sie
verlassen, wie der Passagier sein Schiff, Ihren Körper. Vielleicht scheint es
Ihnen, dass Sie
aufwärts
steigen, obwohl es in Wirklichkeit weder Oben noch Unten gibt. Vielleicht werden
Sie von
geliebten Toten
in eine paradiesische Landschaft entführt. Oder Sie stehen zunächst an Ihrem
eigenen
Totenbett und
sind sehr verwirrt. Sie wissen nicht, dass Sie gestorben sind, denn Sie fühlen
sich äußerst
lebendig.
Vergebens versuchen Sie, sich verständlich zu machen. Sie sind unsichtbar,
unhörbar geworden.
Sie erfahren
einen Glanz, eine strahlende Helligkeit, die Ihr ganzes Wesen erleuchtet. Aber
noch bleiben Sie
nicht im Zustand
der Erkenntnis, der Seligkeit, der Erleuchtung. Langsam gleiten Sie zurück in
die Welt des